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Enstehungsgeschichte des Projektes

1. Idee und Entstehung von ‚Szenenwechsel’ in der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers

1.1 Das Schwinden sozialer Lernprozesse für Jugendliche

„In vielen Bereichen unserer Gesellschaft ist ‚Soziale Kompetenz’ zu einem Schlüsselbegriff geworden. So ist beispielsweise die Sozialkompetenz der Bürgerinnen und Bürger eine wesentliche Grundlage für das soziale Engagement und die aktive Mitgestaltung des Gemeinwesens, ohne die unsere Gesellschaft verarmen würde. Daneben machen veränderte Bedingungen in der Arbeitswelt soziale und kommunikative Kompetenzen in hohem Maße notwendig und werden damit häufig zu einer Grundvoraussetzung für den Erfolg im Beruf, in vielen Fällen sogar zum Auswahlkriterium für AusbildungsplatzbewerberInnen. […]

In der Vergangenheit ermöglichten familiäre Zusammenhänge Lernprozesse für einen Grossteil der Kinder und Jugendlichen. Im Zuge von sich wandelnden familiären und gesellschaftlichen Zusammenhängen haben wir es jedoch heute zunehmend mit Kindern und Jugendlichen zu tun, die keine oder nur ein Minimum an Sozialkompetenz (wie z.B. zuhören können, Beziehungen knüpfen, sich in andere einfühlen können und wollen) mitbringen. Familiäre Zusammenhänge bieten nur noch für wenige Kinder und Jugendliche den Raum z.B.

  • sich mit unterschiedlichen Menschen unterschiedlicher Interessen auseinander zu setzen und Kompromisse auszuhandeln
  • Gemeinschaft zu erleben, z.B. durch gemeinsames Essen oder Spielen
  • Beziehungen zu gestalten, Distanz und Nähe einzuüben

Diese Tendenz wird verstärkt durch rückläufige Ausbildungsplätze und unsichere Berufsperspektiven, die

  • die Entwicklung einer ‚Ellenbogenmentalität’ und Entsolidarisierung fördert, sowie
  • Gefühle wie ‚auf sich allein gestellt sein’, wie ‚versagen’ in einer immer unübersichtlich werdenden Gesellschaft verstärken. […]

Es gilt daher, Modelle und Lernorte zu entwickeln bzw. vorhandene in ihren Ansätzen und Zielen zu erweitern, die möglichst vielen jungen Menschen ermöglichen,

  • ihre eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten kennen zu lernen und diese, auch für eine spätere Berufswahl, als unterstützende Faktoren zu sehen
  • sich soziale Kompetenzen anzueignen, die sie zur Umsetzung ihrer Motivation zum sozialen Engagement brauchen
  • sie gleichzeitig in ihrer Lebenssituation mit der Suche nach realistischen und lebbaren Entwürfen eines Erwachsenenlebens zu unterstützen und zu begleiten
  • ihnen Räume anzubieten, in denen sie über ihre bisherigen Erfahrungshorizonte hinaus neue Möglichkeiten und Fähigkeiten entdecken können. […]

Aufgenommen werden sollten Erkenntnisse des aktuellen Forschungsprojekts der aej ‚Realität und Reichweite von Jugendverbandsarbeit’ […], in der Jugendliche ihre Motivlagen zur Beteiligung in evangelischer Jugendarbeit mit den korrespondierenden Motiven ‚etwas für andere tun’ und gleichzeitig ‚etwas für mich lernen’ benennen.“

 

1.2 Die Idee: ‚Szenenwechsel’ in der Landeskirche Oldenburg

Das Projekt ‚Szenenwechsel’ wird seit einigen Jahren in der Landeskirche Oldenburg in Kooperation von Caritas, Diakonischem Werk, Bund der Deutschen Katholischen Jugend und Evangelischer Jugend angeboten. In einem freiwilligen einwöchigen Praktikum in den Osterferien können Jugendliche zwischen 15 und 18 Jahren ein Praktikum in einer diakonischen Einrichtung absolvieren, sich dabei sozial engagieren und in verschiedene diakonische Arbeitsfelder hineinschnuppern. In der Landeskirche Hannovers wird das Projekt ‚Szenenwechsel’ seit einigen Jahren schon in den Kirchenkreisen Buxtehude und Stade, sowie Gifhorn angeboten.

 

1.3 Gründe für die Verwirklichung des Projekts in der Landeskirche Hannovers

Seit 2005 gab es immer wieder Anfragen von Seiten diakonischer Einrichtungen nach der Einrichtung des Projektes Szenenwechsel durch das Diakonische Werk für die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers. Dazu kam die Idee auf, dieses Projekt möglichst breit in den landeskirchlichen Strukturen zu verankern. So lag es nahe, das Know-How der in der Landeskirche agierenden Fachstellen für die Zielgruppe und die Themenkomplexe, die im Szenenwechsel berührt werden, zusammen zu binden:

  • Das Landesjugendpfarramt mit den Kontakten in die Schaltstellen Evangelischer Jugend in der Landeskirche: hier ist eine große Fachlichkeit in der Arbeit mit jungen Menschen vorhanden; die Arbeit mit sozial engagierten Jugendlichen gehört zum Tagesgeschäft.
  • Das Diakonische Werk der Landeskirche mit dem Fachreferat Freiwilliges Soziales Engagement und Zivildienst, von dem auch das FSJ in und für die Landeskirche organisiert und begleitet wird: hier ist das fachliche Know-How für Ansätze diakonisch-sozialen Lernens vorhanden, die Erfahrung der Begleitung von jungen Menschen, die einen Freiwilligendienst in einem diakonischen Arbeitsfeld absolvieren.

Nach einem ersten Gespräch konnten sich beide Fachstellen eine Zusammenarbeit gewinnbringend vorstellen:

  • da beide Seiten wichtige Türöffnerfunktionen in Strukturen der Evangelische Jugend bzw. der Diakonie, die zum Aufbau solch eines Projektes nötig sind, gewährleistet sahen
  • damit Ressourcen gebündelt wurden
  • damit der Impuls für solch ein Projekt von zwei Seiten in die Landeskirche kommen konnte
  • damit in den Kirchenkreisen die Zusammenarbeit von Diakonie und Evangelischer Jugend unterstützt bzw. angeregt wurde

 

1.4 Ziele des Projekts ‚Szenenwechsel’

Das Herzstück des Projekts bildete das einwöchige freiwillige Praktikum Jugendlicher in einer diakonischen Einrichtung in den Osterferien 2007. Dadurch sollte erstens 80-100 Jugendlichen zwischen 14 und 18 Jahren ein Raum für soziales Lernen eröffnet werden, zweitens sollten Arbeitsfelder von Diakonie und Kirche bekannter gemacht werden. Das Eröffnen von Möglichkeiten diakonischen Lernens, das Entdecken der eigenen sozialen Kompetenz, das Entwickeln von sozialem Verantwortungsbewusstsein und das Spürbarwerden der Freude am freiwilligen Engagement standen bei ersterem Ziel im Mittelpunkt.  Im Gegenzug sollten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Diakonie und Kirche mit engagierten Jugendlichen in Kontakt kommen, und sollten sich den Fragen der Jugendliche stellen, sowie ihre Perspektive im Hinblick auf Diakonie und Kirche kennen lernen. Im zweiten Punkt ging es darum zu zeigen, dass Diakonie vielseitig und dynamisch ist und ihren Teil des gesellschaftlichen Zusammenlebens bewusst und aktiv prägt und gestaltet.

Dadurch dass das Projekt vor Ort in Zusammenarbeit von Diakonischem Werk und Kirchenkreisjugenddienst angeboten wurde, sollte eine dauerhafte Vernetzung von Diakonie und Evangelischer Jugend angestrebt werden. Durch das gemeinsame projektorientierte Arbeiten sollten sich beide Fachstellen näher kennen lernen, vom Know-How des jeweils anderen profitieren und ihre gemeinsamen Ressourcen entdecken.

Die punktuelle Zusammenarbeit von Evangelischer Jugend und Diakonie im Projekt ‚Szenenwechsel’ sollte landeskirchenweite Ausstrahlungscharakter haben und zu mehr Ver-netzung untereinander führen.
In der beantragten Pilotphase sollten konzeptionelle Eckpfeiler und unterstützende Ma-terialien für die Akteure in den Kirchenkreisen entwickelt werden, um eine Nachhaltigkeit und Fortführung nach Abschluss der Pilotphase zu erreichen.

Die Realisierung des Projektes sollte durch eine Projektleitung und eine Projektgruppe sichergestellt werden, die die Kirchenkreise, also die Hauptamtlichentandems aus Kirchen-kreisjugenddienst und Diakonischem Werk, bei der Installation des Projekts unterstützt.

Nach der Pilotphase sollte sich das Projekt verselbständigen und verbreitern, so dass im Laufe der Zeit immer mehr Kirchenkreise regelmäßig einen ‚Szenenwechsel’ anbieten und einer wachsenden Zahl Jugendlicher Erfahrungen des sozialen Lernens ermöglicht werden können.

 

1.5 Struktur des Projektablaufs in der Landeskirche Hannovers

Wurde das Projekt auf landeskirchlicher Ebene in Kooperation vom Fachreferat "Freiwilliges Soziales Jahr" im Diakonischen Werk und dem Landesjugendpfarramt im Haus kirchlicher Dienste geplant und auf den Weg gebracht, so zog sich diese Kooperationsstruktur durch bis an die Basis, an der der Szenenwechsel stattfinden sollte:
Hauptamtlichentandems aus dem Kirchenkreisjugenddienst und dem Diakonischen Werk im Kirchenkreis sollten das Projekt den Jugendlichen anbieten.

Neben den Zielen, die mit einer solchen Zusammenarbeit verbunden waren, bedeutete eine Zusammenarbeit zwischen Kirchenkreisjugenddienst und Diakonischem Werk auch die Halbierung des mit dem Projekt verbundenen Mehraufwandes an Arbeit. Natürlich sollten auch die Kirchenkreise mitmachen können, in denen nur einer der beiden Projektpartner zur Verfügung stand.

Für die erstmalige Realisierung dieses landeskirchenweiten Projekts wurde eine Projektgruppe  installiert, die in Zusammenarbeit mit der Projektleitung  grundlegende Entschei-dungen zur Durchführung des Projekts getroffen hat z. B. bezüglich der Auswahl eines Jugendliche ansprechenden Logos sowie einer Werbekampagne, des zeitlichen Ablaufplans der Pilotphase, der Planung von Informationsveranstaltungen für beteiligte Kirchenkreise und der Gestaltung der Homepage.

Die Projektleitung hat die Entscheidungen der Projektgruppe umgesetzt und fungierte somit auch als eine Art Service – und Unterstützungsstelle für die beteiligten Kirchenkreise: Kontaktaufnahme zu den Kirchenkreisjugenddiensten und den Diakonischen Werken, Information aller beteiligten Stellen über den Rahmen und die Möglichkeiten des Projekts, Gewinnung von Verantwortlichen für eine Kooperation, Erstellen von Werbe– und Informationsmaterialien, Durchführen von Informationsveranstaltungen, Erstellung der Homepage, Öffentlichkeitsarbeit, Vernetzung der einzelnen Szenenwechsel–Standorte, Begleitung der Kirchenkreise vor, während und nach dem Szenenwechsel, Vorbereitung einer Auswertungsveranstaltung, Projektauswertung und Projektdokumentation gehörten zu dem Aufgabenbereich der Projektleitung.

Die Kirchenkreise, die in der Pilotphase an dem Projekt teilnahmen, konnten somit einen bestimmten Service in Anspruch nehmen, der sie in ihrer Arbeit vor Ort entlasten sollte. Nach der Pilotphase sollte das Projekt so weit bekannt sein, dass es sich mit Hilfe von schriftlichen Materialien und den Erfahrungen der beteiligten Kirchenkreise von selbst verbreitern kann, ohne dass eine zentrale Projektleitung benötigt wird.