Schriftgröße:   Normal Groß Größer

Realität und Reichweite von Jugendverbandsarbeit

Zusammenfassung der Forschungsergebnisse

I) Der Forschungsansatz 

Das Forschungsprojekt »Realität und Reichweite von Jugendverbandsarbeit« untersuchte die Jugendverbandsarbeit aus subjektorientierter Perspektive. Die Ausgangsfrage lautete: »Was machen die Jugendlichen aus dem Verband?«
Dies geschah am Beispiel der aej e. V., den Mitgliedsverbänden der Evangelischen Jugend in Deutschland.

Das Vorhaben bestand aus zwei Teilen:

  1. Einem Forschungsprozess
  2. und einem Praxisentwicklungsprozess

 

Realität und Reichweite von Jugendverbandsarbeit ist die größte Jugendstudie seit dem Zweiten Weltkrieg. Dies bezieht sich sowohl auf die Anzahl der angewandten Methoden als auch der zur Verfügung stehenden Fälle. Die Studie gibt nicht nur Informationen über Jugendverbandsarbeit, sondern sie nimmt aus der Perspektive, aus dem Blickwinkel von Jugendlichen, Positionen ein, die neue Einsichten zutage fördern. Mit dem subjektorientierten Ansatz unterscheidet sich diese Studie von allen anderen Jugendstudien und liefert Erkenntnisse, die für künftige Praxiskonzepte von essentieller Bedeutung sind.

 

II) Wesentliche Ergebnisse

 

Reichweite:
Insgesamt wird mehr als die Hälfte aller Jugendlichen von Jugendverbandsarbeit erreicht. Die Zahlen im einzelnen:

  • Evangelische Jugend                          10,1 %,
  • Kath. Jugend                                            8,8 % 
  • Kommunale Anbieter                           15,3 %
  • Vereine wie z. B. die Sportjugend     25,1 %

 

Die Bedeutung der Gruppe:
Entgegen vorherrschender Ansichten besitzt die Gruppe in der Jugendverbandsarbeit einen sehr hohen Stellenwert. In der Evangelischen Jugend ist sie sogar das zentrale Moment. 90 % gehen regelmäßig in eine Gruppe. Positiv wird von den Jugendlichen gewertet, dass von ihnen zunächst einmal nichts gefordert wird, im Unterschied etwa zu kommerziellen Anbietern, sondern sie so sein können wie sie sind.
Als Gruppenzugänge werden benannt:
• Freunde haben mich mitgenommen
• Eltern (Familie) als Bewahrer der Tradition
• Der Weg über Institutionen (der Konfirmandenunterricht, Religionsunterricht)
• Aus Interesse (man hat etwas über das Angebot gelesen oder man ist neu in der Stadt)
Aus diesen vier Zugängen entwickeln sich bestimmte Typen, die dann als Akteure im Jugendverband tätig sind.

 

Geschlechts- und altersspezifische Zusammensetzung:
Die evangelische Jugendarbeit ist nicht „jungenlastig“. Es ergibt sich vielmehr ein leichter Überschuss zugunsten des weiblichen Geschlechts von 52% zu 48%. Aufgeteilt nach Altersgruppen zeigt sich der Höhepunkt im „Nachkonfirmationsalter“ bei den 16 – 18jährigen.
Im einzelnen:

  • 10 –12 jährige   23%
  • 13-15 jährige     29%
  • 16-18 jährige     33 %
  • 18 – 20jährige   15%

 

Motive:
Egoistische und altruistische Beweggründe fließen zusammen bei dem Wunsch, sich einer Gruppe anzuschließen. In Bezug auf die evangelische Jugendarbeit lassen sich 9 Motivstränge ermitteln:

  • der Wunsch, etwas für die eigene Entwicklung zu tun
  • der Wunsch, etwas Sinnvolles für andere zu tun
  • der Wunsch nach Selbstbestimmung
  • der Wunsch nach spontaner Teilnahme (sich nicht binden müssen)
  • die Sorge, etwas zu verpassen
  • der Wunsch, sich situativ zu entscheiden
  • der Wunsch, sich mit religiösen Inhalten näher zu beschäftigen
  • der Wunsch, außer Haus etwas zu erleben
  • der Wunsch nach Zusammenhalt in der Gruppe

Bestimmte Motive gehören zusammen. Insgesamt lassen die Beweggründe sich in einer »Trias« zusammenfassen:

Etwas für die eigene Entwicklung tun

Etwas Sinnvolles für andere tun  – Geborgenheit in der Gruppe finden

Bemerkenswert ist die Tatsache, dass sich die Motivlage in den verschiedenen Altersgruppen nicht verändert.

Die Rolle der Älteren:
Daraus ergibt sich für die Ehrenamtlichen und Beruflichen, die in der Jugendarbeit tätig sind, eine klare Rollenzuschreibung. Sie fungieren nicht als Vorbilder oder Vertrauenspersonen, sondern sind  als „Eröffnende“ anzusehen. Ältere schaffen Bedingungen, welche die eigene Entwicklung der Jugendlichen möglich machen und fördern.
Auffällig ist, dass die Älteren vor allem in Bezug auf die Funktion beurteilt werden, die sie in der Jugendarbeit wahrnehmen. Den Jugendlichen ist wichtig, ob die Älteren ihre Arbeit gut erledigen oder nicht. In der Beziehungsrolle führen die Erwachsenen dagegen ein „Schattendasein“. Sie sind weder Vorbilder noch Vertrauenspersonen in persönlichen Problemlagen.
Die Möglichkeit der Orientierungsgebung ist dennoch vorhanden. Ältere werden vor allem dann positiv gesehen, wenn man von ihnen lernen kann und sie den Jugendlichen etwas zutrauen. Sobald sie versuchen, die Jugendlichen zu reglementieren, wird das als Machtaneignung gesehen und abgelehnt.
Dies verlangt insgesamt von den Älteren ein entschiedenes sich Zurücknehmen und zugleich eine große Offenheit. Der Schlüssel zu gelingender Jugendarbeit liegt in diesen beiden Komponenten.

 

Evangelisches Profil:
Wie nicht anders zu erwarten spiegeln die TeilnehmerInnen an den Veranstaltungen evangelischer Jugendarbeit in höherem Maße evangelische Kirchlichkeit und Glaubensüberzeugungen wider als es für die Jugend insgesamt der Fall ist. Jedoch stellen die befragten Jugendlichen keine homogene Gruppe dar. Evangelische Jugendarbeit ist bei aller Bindung an das Proprium trotzdem sehr plural, auch was ihr normatives Zentrum angeht.

Insgesamt lässt sich sagen: Den Gesamttrend, den die Jugendforschung in Bezug auf Religion ausgemacht hat, finden wir der Tendenz nach auch unter den Teilnehmern evangelischer Jugendarbeit wieder: Religion und Religiöses verlieren an Bedeutung. Das bedeutet, dass Evangelische Jugend wie alle anderen Weltanschauungsverbände darauf verwiesen ist, den Spagat zwischen ihrem normativen Profil und ihrer Offenheit für die allgemeinen Trends und Entwicklungen im Jugendbereich zu meistern. Eine zu enge Konzentration auf das eigene „Proprium“ muss alle jene ausgrenzen, die aus welchen Gründen auch immer diesem nicht entsprechen wollen. Eine zu weite Entfernung vom evangelischen Mittelpunkt jedoch würde ihre Angebote profillos, beliebig und austauschbar machen.

Bildung:
Die Evangelische Jugend ist, wie die anderen Jugendverbände auch, ein Ort der Selbstbildung und der informellen Bildungsvermittlung. Daraus ergeben sich spezifische Chancen: Untersuchungen haben ergeben, dass 60% -70% der Wissensinhalte informell vermittelt werden. Das Modell der formellen Bildung ist daher in seiner Überakzentuierung fragwürdig und überholt. Bildung gelingt nur, wenn sie zu Selbstbildung wird. Die Jugendverbände können positive Gelegenheitsstrukturen schaffen, die solches Lernen ermöglichen.

Zusammenfassung:
Junge Menschen sind nicht bloß Adressaten oder Konsumenten. Für sie ist der Jugendverband ein Ort eigener Aktivitäten. Sie nutzen ihn, um „etwas für sich selber zu tun“, „an sich wachsen zu können“ und zugleich, um „etwas Sinnvolles für andere“ zu tun. Wichtig wird sein, diese Motivlage ernst zu nehmen und die Jugendarbeit entsprechend danach zu gestalten. Denn Nicht die „Anbieter“ stellen entscheidend die Realität des Verbandes her, sondern die Jugendlichen, die in ihm agieren. Der Verband ist eine Gelegenheitsstruktur, aus der etwas unendlich Wertvolles entstehen kann, wenn die Jugendlichen als Akteure etwas daraus machen. Dies gilt für die evangelische Jugendarbeit auf allen Gebieten, im Bereich der Landesjugendkammer ebenso wie in der Jugendgruppe einer Gemeinde.

III) Perspektiven
Insgesamt zeichnen sich 5 Themenkomplexe ab, die weiter zu bearbeiten sind:
1. Das von Jugendlichen aufgezeigte Eigenschaftsprofil als Potential annehmen.
2. Die von Jugendlichen aufgezeigte Rolle der JugendleiterInnen aufnehmen.
3. Die Bedeutung von Jugendgruppen herausstellen.
4. Konzeptionell die Rolle der Jugendlichen als Akteure, nicht als Adressaten (von Angeboten) aufnehmen.
5. mittelfristig ein öffentlichkeits-, jugend- und kirchenpolitisches Konzept entwickeln.

IV) Quellen
Band 1 • Fauser, Katrin & Münchmeier, Richard & Fischer, Arthur (Hrsg.)
Jugendliche als Akteure im Verband
Ergebnisse einer empirischen Untersuchung der Evangelischen Jugend
3-86649-065-8 Erscheinungsjahr: 10/2006    354 Seiten

Band 2 • Fauser, Katrin & Münchmeier, Richard & Fischer, Arthur (Hrsg.)
"Man muss es selbst erlebt haben..."
Biografische Porträts Jugendlicher aus der Evangelischen Jugend
3-86649-066-6 Erscheinungsjahr: 10/2006   318 Seiten

Band 3 •  Corsa, Mike (Hrsg.),  Praxisentwicklung im Jugendverband
Prozesse - Projekte - Module 978386649-067-3  Erscheinungsjahr: 3/2007    180 Seiten

„Die Hauptergebnisse der Studie »Realität und Reichweite von Jugendverbandsarbeit“   
www.aejn.de – dort unter „news“: „Auf neuen Gleisen“, 03. September 2006

Hauptergebnisse der Jugendstudie: