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Hannelore Köhler: ein Gespür für große Themen

1974: Hannelore Köhler bei Demonstration in Wolfsburg

Sie ist immer ganz vorne mit dabei. Das war von Anfang an so. Als eine der ersten Frauen begann Hannelore Köhler die Ausbildung als Diakonin in Hannover, um dann rund vierzig Jahre mit Kindern und Jugendlichen in der Hannoverschen Landeskirche zu arbeiten. Anfangs war sie noch so jung, dass man sie von ihren Jugendlichen nicht unterscheiden konnte. „Wenn wir im Gemeindehaus Disco hatten, fiel ich gar nicht weiter auf“, erzählt sie und lacht. Diese Nähe zu den jungen Menschen ist ihr wichtig. Ebenso wie der Anspruch, dass die Kirche der Welt zugewandt ist: „ Als ich anfing, setzten sich Teile der Kirche offensiv mit politischen Themen auseinander. Es gab bei vielen eine Aufbruchsstimmung, Kirche war konfrontationsbereit und wir wollten Position beziehen“, so Köhler. Das hat ihre Arbeit geprägt, und so sind es immer auch die aktuellen Themen, die sie aufgriff und praktisch vor Ort umsetzte. Dabei blieb sie immer in Bewegung, ging von Hannover nach Wolfsburg, weiter in den ländlichen Raum nach Weyhausen, nach Ostfriesland, nebenbei ein Studium in Oldenburg und wieder zurück nach Hannover.

 

files/fotos/allgemein/Hannelore-Koehler.jpgEigentlich wirkt Köhler wie eine gemütliche, ruhige Frau, und man kann sie sich gut mit einer Tasse Biotee und einem Buch auf dem Sofa vorstellen. Tatsächlich aber ist sie aufmerksam, neugierig und geht die Dinge energisch und offensiv an. Frieden, Natur- und Umweltschutz, Gewaltfreiheit - die Diakonin hat sich der ganz großen Themen angenommen. Wenn Köhler dann von der Rettung des Naturschutzgebietes Barnbruch bei Weyhausen spricht, von Begegnungsprojekten zwischen Asylbewerbern und einheimischen Jugendlichen in Ostfriesland oder dem passiven Widerstand gegen die Waffenschau der Bundeswehr in den siebziger Jahren, setzt sie sich aufrecht hin, und ihre Augen leuchten. Sie formuliert ihre Forderungen: „Ich finde es schrecklich, wenn die Welt bei Kirche nicht einbezogen wird. Das ist unattraktiv und hat keine Zukunft. Du musst nahe am Menschen bleiben und an dem, was los ist in der Welt.“

 

files/fotos/allgemein/hannelore-international02.jpgNach 27 Jahren verlässt Hannelore Köhler das Landesjugendpfarramt, wo sie seit 2003 das Arbeitsfeld Internationale Jugendbegegnung und Ökumene gestaltet und verwaltet hat. Sie wechselt ins Frauenwerk, wo sie in den letzten Jahren neben ihrer Arbeit im Jugendbereich bereits mit einer halben Stelle tätig war. Wird sie es vermissen? „Auf jeden Fall“, sagt Köhler, „Aber ich merke auch, dass ich zunehmend weniger verstehe, wie Jugendliche ticken. Ich erkenne nur noch einzelne Bilder, aber ich bin nicht mehr nahe genug dran. Und dann ist es auch an der Zeit, aufzuhören.“ Was sie ihrem Nachfolger ans Herz legt?  Der interreligiöse Dialog und die Flüchtlingsthematik sollten in den nächsten Jahren bearbeitet werden. Und da ist es wieder, ihr Gespür für große Themen.