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Gegen-Sätze II

Stark sein

Er ist froh, einen Platz ergattert zu haben, einen jener Einsitzer, die eigentlich für Ältere oder Behinderte bestimmt sind. Aber von denen ist um diese Zeit ohnehin niemand mehr unterwegs. Der Platz ihm gegenüber ist frei. Er streckt die Beine aus, als die Bahn anfährt. Halb schließt er die Augen. Ein Schatten wandert über den Sehspalt. Ihm gegenüber setzt sich ein Junge, wie einer Klischeekiste entsprungen: Baseballcap, natürlich verkehrt herum aufgesetzt, weiße Sneakers, Jeans, Bomberjacke, olivefarben. Breitbeinig pflanzt er sich auf den Platz und fängt an, mit seinem Handy zu spielen. Er scheint nicht zu bemerken, dass er gemustert wird. Doch plötzlich schaut er auf und grinst: Wo willst’n hin?“ fragt er. „Leinaustraße.“  „Pah, ich muss noch viel weiter.“
Sie sind ungefähr ein Alter. Sein Gegenüber kommt ins Erzählen. „Hab keine Lust heute, was zu machen, Alter. Fahr lieber nach Hause. Manchmal mache ich schon was. Neulich bin ich in Shisha-Bar und hab ganze Bar zerschlagen. Echt, Alter. Hab ich Hausverbot gekriegt. Einmal wollte ich in Disko. Sagt Türsteher: Du kommst hier nicht rein. Sag ich: Ich gehe hier jetzt rein. Sagt Türsteher: Du kommst hier nicht rein. Hab ich sooo ein Messer gezogen und bin rein. Hab ich Hausverbot gekriegt. Ich mach echt kein Stress, Alter, nie. Hab ich einmal drei auf einmal zusammengeschlagen. Der eine hat mir in Arm gebissen, richtig fest. Sollte ich Sozialstunden machen in Krankenhaus, von morgens neun bis abends neun. Zwölf Stunden ohne Bezahlung. Bin ich nicht gegangen. Hab ich Strafe gekriegt. Fette Geldbuße, Alter. Na, hab ich bezahlt und alles ok. In Deutschland musst du hart sein. Musst du Stärke zeigen. Sonst gehst du unter.“  
Was soll er dazu sagen? Dass der Andere die falschen Schlüsse zieht? Dass man mit diesem Machogetue immer ein Verlierer bleiben wird? Er schweigt, nickt ihm kurz zu, während er aufsteht und wünscht ihm einen schönen Abend.  Als die Straßenbahn sich wieder in Bewegung setzt, schaut sein Gegenüber aus dem Fenster. Er sieht aus, als würde er etwas suchen.

Aber ich sage euch, die ihr zuhört: Liebt eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen;
segnet, die euch verfluchen; bittet für die, die euch beleidigen.
Und wer dich auf die eine Backe schlägt, dem biete die andere auch dar; und wer dir den Mantel nimmt, dem verweigere auch den Rock nicht.
Wer dich bittet, dem gib; und wer dir das Deine nimmt, von dem fordere es nicht zurück.
                   (Lk. 6, 27-30)

                                                                Wolfgang Blaffert

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