Meditation zum Titelbild des neuen Andachten-Buchs
Das Blau des Himmels leuchtet klar. Die strahlende Sonne blendet. Ihr Licht fällt gleißend durch viele Fahnen. Die kleinen Fahnen flattern im Wind. Auf den Fahnen stehen Worte, Gebete, Bitten an Gott. Ganz persönliche sind darunter, ganz politische und ganz menschliche, sogar lustige.
Das finde ich gut. Beten muss nicht schwermütig sein. Beten ist etwas Schönes. Genau das zeigt mir dieses Foto von der Gebetsfahnen-Installation beim Landesjugendcamp 2006.
Mehr als 1 000 Campteilnehmerinnen und Campteilnehmer haben sich einladen lassen, ihr Gebet aufzuschreiben und in den Himmel zu hängen. Da ist mein Gebet genauso dabei wie das von Julia, Dennis, der Landesbischöfin und vielleicht deins ebenso. Das Bild zeigt mir auch: Wer betet, ist nicht allein: Viele, viele Gebete steigen auf zu Gott. Jede Stunde, jeden Tag, aus allen Teilen der Welt.
In den Gebetsfahnen zeichnet sich etwas ab: Das Kreuz auf der Weltkugel. Unser Kreuz! Das Zeichen der Evangelischen Jugend. Unser Kreuz? Das Kreuz ist und bleibt das Kreuz Jesu Christi, doch es ist unser Zeichen geworden, weil wir uns auf ihn berufen und weil er uns ruft. Junge Menschen auf der ganzen Welt lassen sich zum Glauben einladen und entscheiden sich für einen Weg der Nachfolge.
Das Kreuz auf der Weltkugel zeigt mir, dass wir unseren Glauben nur in der weltweiten großen christlichen Gemeinschaft leben können und nicht für uns allein, nur in Deutschland, nur als evangelische oder katholische oder orthodoxe Christen.
Dieses Kreuz steht mitten in der Welt: Es stiftet zu einem Leben mitten im Alltag an, im Hier und Jetzt, kritisch und solidarisch mit dieser Welt. Das Foto von der Installation zeigt besonders gut: Das fest auf der Erde stehende Kreuz weist in den Himmel, weist hin auf eine andere Dimension, weist von der Erde und von uns weg. Es weist auf den hin, der sich von keinem Hier und Jetzt ganz fassen lässt, der nicht nur hier oder dort ist, nicht nur gestern oder morgen, sondern immer und überall, allgegenwärtig und allmächtig, kritisch und solidarisch mit uns in seiner Welt: Gott.
Unsere Gebetsfahnen flattern stumm im Wind. Aber bei Gott kommt an, was wir beten, egal wie wir es tun: geschrieben, gesprochen, gesungen, getanzt, geschwiegen, gedacht und vielleicht auch gelacht.
Aber was ist, wenn ich nicht weiß, wie ich beten soll?
Dafür gibt es in der Bibel eine Anweisung, die mir immer dann weiterhilft, wenn ich gerade keine eigenen Worte finde. Dieses Gebet verbindet mich mit allen Christinnen und Christen. Jesus hat es gebetet und den Menschen, die ihm zuhörten, in der Bergpredigt weitergegeben. Wir beten heute mit diesen Worten in dem Wissen, dass dieses Gebet wie Jesus selbst aus der Tradition des Judentums kommt und bekennen uns so zu unserer Wurzel.
»Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet. Darum sollt ihr so beten:
Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.« Mt. 6,9-13
»Unser Vater im Himmel«: Ganz nah und doch in einer anderen Dimension ist Gott. Davon ist auf dem Foto für mich viel zu sehen und in jedem Gebet ist das für mich sonnenklar zu spüren.
Cornelia Dassler, Landesjugendpastorin