Januar 2008: das Klima schwankt zwischen Winter und Wandel. Die Schneeglöckchen haben sich noch nicht aus der Erdkrume gezwängt, sondern lauschen interessiert den Maulwürfen beim Graben. Was die allerdings erblicken, wenn sie’s denn könnten, würde sie ratlos in ihren Bau zurücksinken lassen. Denn alles, was nach Baumstamm, Pfahl, Laterne, Pfeiler oder sonswiet senkrechtem Befestigungspflock aussieht, ist mittlerweile mit großen und noch größeren Schildern behängt. Es ist zur Zeit gefährlich, zu lange irgendwo unbeweglich im Stadtbild herumzustehen, will man nicht mit einem riesigen Plakat am Hals nach Hause wanken.
Wahlkampfzeiten sind raue Zeiten. Besonders für uns Wählerinnen und Wähler. Denn die Plakate aller Parteien haben uns vor allem eine Botschaft zu verkünden: „Ihr seid doof!“
Auf meinem Weg zur Arbeit rauschen diverse Aussagen an mir vorüber. Zuckerwatte fürs Gehirn. Zurück bleibt ein verklebtes Bewusstsein.
„Jetzt für morgen“, lautet der Slogan einer Oppositionspartei, die nicht immer in der Opposition gewesen ist. Tja, denke ich, warum nicht „gestern für heute“ - Ihr habt doch eure Chance gehabt?
Eine andere Partei, die früher mal bei der Post gewesen sein muss, weil sie so auf Gelb steht, hat überhaupt kein Argument, warum man bei ihr ein Kreuzchen machen soll. Sie begnügt sich damit, einen nett aussehenden, etwas farblosen Herrn abzubilden und darunter zu schreiben: „Der richtige Mann für Niedersachsen.“ Wieso das denn? Sind wir jetzt schon Luschiland geworden? Richtige Männer für Niedersachsen stelle ich mir anders vor.
WÜRGE springt es einem von knallrotem Plakat in die Augen. WÜRGE? Wem soll ich den Hals zudrücken, oder soll ich mich schon mal übergeben, bevor die heiße Phase des Wahlkampfes beginnt? Ach, Brille vergessen. WÜRDE steht da. Hä? WÜRDE? Warum nicht auch HÄTTE, KÖNNTE, SOLLTE – die beliebtesten Politfloskeln, um nichts zu tun?
Na, und unser derzeitiger Ministerpräsident tummelt sich mittenmang in einer Girlgroup schmucker Schornsteinfegerinnen, mit denen er hemmungslos herumzuschäkern scheint. Dass es bereits zu Handgreiflichkeiten gekommen ist, beweist der schwarze Doppelstrich auf seiner Wange.
„Viel Glück für alle in Niedersachsen.“ wünscht der Kommentar darunter. Na, das werden wir bei der Politik wohl auch brauchen.
In Wahlkämpfen bleibt das intellektuelle Florett zu Hause. Der dumpfe Holzhammer (auch "Koch-Werkzeug" genannt) hat dagegen viel zu tun. Das politisch-geistige Niveau nähert sich rasant der Grasnarbe.
Einer hat es sogar darunter geschafft und gleich noch etliche mit sich mitgezogen.
Seit Hessens Ministerpäsident Roland Koch das Problem gewaltkrimineller Jugendlicher zu seinem Wahlkampfschlager gemacht hat, gibt es kein Halten mehr. Seitdem wird Deutschland nicht mehr am Hindukusch verteidigt, sondern in der Münchner U-Bahn. Seitdem geistern Phantasien von Erziehungslagern und dergleichen durch die Lande. Selbst die Kanzlerin übt sich im Scharfmachen.
Mit atemberaubender Dreistigkeit fordert Herr Koch eine Verschärfung des Jugendstrafrechts und setzt darauf, dass sich niemand an seine Politik der letzten Jahre erinnert: Radikalkürzung von 1000 Stellen im polizeilichen Bereich; Totalstreichung sämtlicher Mittel für zahlreiche Einrichtungen, die sich um straffällig gewordene Jugendliche kümmern.
Das ist so, als ob ein Gärtner seinen Garten kaum wässert, um anschließend zu verkünden: „die Schnecken sind schuld. Wir brauchen mehr Pestizide.“
„Die Weisen halten mit ihrem Wissen zurück; aber der Toren Mund führt schnell zum Verderben,“ heißt es im Buch der Sprüche (10, 14).
Wer mit dem Feuer spielt, um an der Macht zu bleiben, mag kühl kalkulieren. Ein Narr bleibt er doch!
Der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, Stephan Kramer, hat dazu bemerkt, Kochs Wahllkampfniveau unterscheide sich kaum noch von dem der NPD.
Vielleicht geschieht es ja, dass in Hessen das Wahlvolk seinem Koch den Brei verdirbt und ihn in Rente schickt.
Vielleicht geschieht es auch, dass die Parteien endlich erkennen: die Wählerinnen und Wähler sind alles – nur nicht dämlich.
Wer sich wirklich informieren möchte, was die Parteien zu bieten haben, was sie denken und wollen, sollte unbedingt zu www.wahl-o-mat.de gehen und sich dort schlau machen.
Der Wahlomat, bereits bei der Bundestagswahl 2005 erfolgreich eingesetzt, ist ein gemeinsames Projekt der Bundeszentrale für politische Bildung und des Landesjugendringes Niedersachsen e.V. in Zusammenarbeit mit AEJN und BDKJ.
Wolfgang Blaffert