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Bericht einer Teilnehmerin

Ich bin gerade zurück vom Theatertreffen der Ev. Jugend in der Landeskirche Hannovers. Vier Tage haben wir in verschiedenen Workshops auf eine Aufführung hingearbeitet – alle gemeinsam. Ich war zum ersten Mal bei diesem Treffen, Viele kannten sich schon aus den Vorjahren. Das Treffen lässt mich nicht so schnell los. Ich bin fasziniert, berührt, wurde überrascht.

Ich hatte mich für den Workshop zum Thema Poetry Slam entschieden. In einer Gruppe von 12 Leuten arbeiteten wir jeder an seinen Texten. Wir lasen uns vor. Wir hörten zu. Wir halfen, unterstützen, wir ermutigten und beruhigten. Obwohl wir uns kaum kannten war in der Gruppe sehr viel Vertrauen da. Im Laufe der Tage entschied sich jeder von uns für einen selbstgeschriebenen Text, den er bei der Aufführung vortragen wollte.

Wir überarbeiteten sie, lasen sie uns wieder und wieder vor bis wir fast alles mitsprechen konnten. Wir probten den Auftritt und den Abgang, die Reihenfolge, das Sprechen. Und dann kam die Aufführung vor den anderen Workshops und den Gästen am letzten Abend.

Wir betreten die dunkle Bühne. Nach einer Einleitung tritt jeder einzeln vorne ans Mikro in den hellen Lichtkegel und trägt sein Gedicht, seine Geschichte, seinen Text vor.

Die Erste tritt vor. Und sie liest. Obwohl ich ihren Text schon so oft gehört habe, bin ich überwältigt. Sie steht dort vorne auf der Bühne. Sie erzählt von ihrem Glauben. Ihr Text hatte sie selbst überrascht. Nun verzaubert er uns. Wie viele Erwachsene würden sich dort in dieses Scheinwerferlicht stellen und so offen und ehrlich von ihrem Glauben erzählen? Nach und nach gehen wir nun alle nach vorn und lesen.

Auch heute kann ich es immer noch nicht fassen. Wie viel Mut braucht es, um mit 14 Jahren auf einer Bühne zu stehen und von Gott zu sprechen, vom eigenen Glauben, von Tod, von Hoffnung, von Fehlern, von Vergebung, von Zweifeln und Suchen, von Kraft, von Liebe. Jeder einzelne Text hat in seiner Kritik, in seiner Wortgewalt, seiner Tiefgründigkeit, seinem Witz, seiner Ehrlichkeit klargemacht: die Menschen, die dort stehen, glauben an ihre Texte und an die Worte, die sie sagen. Ich bewundere diesen Mut.

Wir haben uns in diesen Tagen mit Gott beschäftigt, damit, wie es wohl wäre, wenn er sich uns vorstellen würde. Damit, was er bedeutet, was er für uns persönlich bedeutet. Wir alle haben unterschiedliche Vorstellungen von Gott. Und wir haben keine Antworten gegeben. Wir haben von uns gesprochen, von unserem Glauben, unseren Gedanken, Ideen. Wir haben Fragen gestellt. Wir sind auf der Suche – jeder für sich – alle gemeinsam. Ich möchte auf der Suche sein.
Julia Schönbeck


Ein Zeitungsartikel

„Theatertreffen-Virus“
Evangelische Jugend der Landeskirche probt in Verdener Sachsenhain

„Eine Vorstellung von Gott“ war das 34. Theatertreffen der Evangelischen Jugend im Sachsenhain/ Verden überschrieben. 42 Teilnehmerinnen und Teilnehmer zwischen 15 und 27 Jahren trafen sich Anfang Januar zu einem ebenso kreativen wie spontanen Jahresanfang.
 

Verden. „Wir haben im Vorfeld ein wenig gerungen“, sagt Tim von Kietzell, der als Theaterfachmann in diesem Jahr das Treffen zusammen mit einem Team begleitete, „ob man das so machen kann, dass das Thema nicht zu sehr an den Konfirmandenunterricht erinnert. Aber wir sind total positiv
überrascht“.
Auseinandersetzung mit Gott und sich selbst
In vier verschiedenen Gruppen näherten sich die Jugendlichen individuell dem Thema an. „Wir haben gemerkt, dass eine Auseinandersetzung mit Gott immer auch eine Auseinandersetzung mit der eigenen Person bedeutet“, erläutert Wolfgang Blaffert, Referent im Landesjugendpfarramt. Da gab es „viel Bejahendes“ zum Thema, das die Jugendlichen berührend
frisch in Szene setzten, „aber auch Zweifel hatten ihren Platz“.
Anja Goral von der Gruppe „Poetryslam“ textete: „Wenn Gott sich vorstellt, wo wird das sein? Wäre ich da dabei? Was würd‘ sich ändern? – Was, wenn Gott sich vorstellt, in jedem kleinen Moment?“.
Aufgabe in diesem Jahr war es, einen Neustart („Relaunch“) der Marke „GOTT“ zu entwickeln. Die Werbeagentur „Feel Good“ habe diesen großen Auftrag an Land gezogen, den die Jugendlichen in vier Gruppen kreativ bearbeiteten. Poetryslam
(Dichter-Wettstreit), Tanztheater, Puppentheater und Szenenentwicklung standen auf dem Programm.
Das Theatertreffen ist ein starkes Gruppenerlebnis, das Spielräume eröffnet, berichtet von Kietzell. Der „Theatertreffenvirus“ erfasse alle, das beginne schon im Vorfeld bei der Planung. Erstmalig war in diesem Jahr die Nachmittagsgestaltung offen, Jugendliche boten selber Workshops wie „Karate“, „Tattoos“ oder „Songs schreiben“ an. Die Ergebnisse des Tages wurden
mit großer Begeisterung abends im Theatercafé vorgestellt.
Die AG „MuK“ aus Osnabrück hat auch 2016 die technische Infrastruktur gestellt und verwandelte das Gelände des Sachsenhains in einen professionellen Spielort. „Das ist einfach großartig“ freut sich von Kietzell, „wenn eine
frisch erarbeitete Szene gleich zum Video werden kann, das am Abend im Theatercafé alle sehen“.
Die positiven Rückmeldungen der Teilnehmer halten noch an, in einer Whats-App-Gruppe verabreden sich Jugendliche schon für das nächste Theatertreffen, das vom 3. bis 7. Januar 2017 stattfinden wird. Dann wird es das 35. Theatertreffen zu feiern geben. Ein Projekt der Jugendarbeit, das über so viele Jahre läuft, zeugt von Qualität. „Ich bin froh, dass wir wieder so viele kritisch denkende, kreative junge Leute haben“ sagt von Kietzell am Ende des Treffens zufrieden.
Die Kapelle des Sachsenhains ist nach getaner Arbeit im Kreis gefüllt. Die Teilnehmer sitzen am Boden, alles ist abgebaut und noch immer wird gespielt. Der Theatertreffenvirus hält eben bis zum letzten Moment an.
Johanna Zeuner, Evangelische Zeitung Nr. 3/16