Schwarzer Montag? Schwarze Montage!
Panik an den Börsen! Untergangsstimmung in der Wall Street! Zwei Großbanken verschwinden von der Bildfläche. Die Aktienkurse rauschen in den Keller!
Schon einmal hat ein Desaster an der Wall Street die Welt erschüttert. Der 25. Oktober 1929 ging als Schwarzer Freitag in die Finanzgeschichte ein. Dem Börsencrash damals folgten Bankenpleiten, Firmenzusammenbrüche, Massenarbeitslosigkeit. Die Zeche zahlten vor allem die kleinen Leute.
Bereits damals war die Welt enger zusammengerückt. Es gab kaum noch Gegenden, die von der Weltgeschichte unberührt blieben.
Heute existieren überhaupt keine Inseln des Zeitlosen mehr. Jede Handlung an irgendeinem Ort betrifft alle anderen Orte mit. Jedes Tun von Menschen wirkt sich auf alle anderen aus. Wir haben immer noch Mühe, das zu begreifen.
Die Folgen jener hemmungslosen Gier der Banker, die sich an virtuellen Dollarzeichen besoffen, wird jede und jeder von uns zu spüren bekommen – am meisten aber wird es jene treffen, die ohnehin nichts haben. Es ist nun einmal so, dass Reichtum nur mit Armut erkauft werden kann. Und die Betroffenen dürfen sich nicht wehren, sondern sollen still erdulden.
Längst ist ein unerklärter Krieg gegen die Armen im Gang, der auch in unserem Land geführt wird. Da verschleiert das Bundesministerium für Arbeit und Soziales in seinem Armutsbericht die Tatsache, dass die Schere von „vermögend“ und „bedürftig“ immer weiter auseinanderklafft und es für die Betroffenen zunehmend schwieriger wird, überhaupt der Armutsfalle zu entkommen. Da rechnen Universitätsleute den Regelsatz von HartzIV mühelos auf 132,-€ herunter und erhalten von bekannten Politikern auch noch Beifall dafür. Da verfallen manche auf die Idee, Armut durch geringere Leistungen an Bedürftige zu bekämpfen – eine grandiose Dialektik. Warum nicht gleich die Armen selbst bekämpfen?
Der Schwarze Montag hat die Finanzwelt erschüttert. Aber Schwarze Montage gibt es für zahllose Familien jede Woche: wenn unvorhergesehene Ausgaben das schmale Budget sprengen; wenn die Woche damit beginnt, dass man nicht weiß, ob am Ende noch Geld übrig ist. Das ist natürlich nicht so spektakulär wie ein großer Börsencrash, doch es ist millionenfache Realität in unserem Land und milliardenfache Wirklichkeit weltweit.
Die Welt ist tatsächlich eine geworden. Das muss in die Köpfe. Niemand kann mehr sagen: „Das betrifft mich nicht.“ Unsere Verantwortung ist gewachsen – unsere Möglichkeiten aber auch! Denn was für negative Auswüchse gilt, gilt ebenso für alle positiven Anstrengungen. Was immer wir unternehmen, es wirkt sich aus.
Die biblischen Schriften rechnen stets damit, dass persönliches Tun nicht neutral ist. Es hat Konsequenzen – für das Individuum genau so wie für seine Mitwelt. In der großen „Feldrede“ bei Lukas redet Jesus gegen all jene, die darauf aus sind, möglichst viel zusammenzuraffen. Sein Lebenskonzept geht geradewegs in die entgegengesetzte Richtung:
„Gebt, so wird euch gegeben.“ (Lk. 6,38a) Ein schlichter Satz, der ganze Gesellschaften umgestalten kann, wenn man mit ihm ernst macht.
Ein Börsianer wird kaum verstehen, was damit gemeint ist.
Und wir?
Ohne Teilen kein Heilen! So einfach ist das - und so schwierig! Wolfgang Blaffert