Könnt Ihr Euch noch an die Zeit erinnern, als Ihr schwimmen lerntet? Wisst Ihr noch, wie es war, zum ersten? Mal im tiefen Wasser zu sein und keinen Grund mehr unter den Füßen zu haben?
Ich fand es schrecklich!
Das Schwimmerbecken schien nur darauf zu warten, mich zu verschlucken. Unter mir gähnte ein Abgrund von zwei Metern! Zu allem Übel sollten wir auch noch quer durchs Becken schwimmen, ohne uns am Rand festhalten zu können. Und so paddelte ich hastig herum, schluckte jede Menge Wasser und hatte nur Augen für den Rettungsreifen, den der Schwimmlehrer immer gerade aus meiner Reichweite hielt, so dass ich mich weiterbewegen musste, bis ich schließlich den gegenüberliegenden Beckenrand erreichte.
Nach einigen weiteren Übungsstunden und mehreren Litern leckeren Chlorwassers war der Rettungsreifen nicht mehr nötig. Die Verkrampfung löste sich, und Schwimmen war wie Schweben. Ich vergaß die Tiefe unter mir …
Schwimmen lernen hat sehr viel mit Vertrauen zu tun. Wer Angst hat, bleibt nicht lange über Wasser. Wer Angst hat, wird sich auch immer nur so weit hinauswagen, wie er oder sie noch sicheren Grund unter sich spürt. Das ist vernünftig, aber zugleich auch traurig, weil die Angst enge Grenzen steckt.
Glaubensgeschichten sind immer Ermutigungsgeschichten: Geschichten gegen die Angst. Vielleicht gibt es darum so viele, die mit Wasser zu tun haben. »Wasser hat keine Balken.« Die Wirklichkeit auch nicht. Auch in ihr kann man den Boden unter den Füßen verlieren. Auch in ihr kann man untergehen.
Matthäus erzählt, wie Jesus eines Nachts den Jüngern auf dem See Genezareth entgegenkommt (Matthäus 14, 25-31): Aber in der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen und ging auf dem See. Und als ihn die Jünger sahen …, erschraken sie … Aber Jesus redete sogleich mit ihnen und sprach: Seid getrost, ich bin's; fürchtet euch nicht. Petrus aber antwortete ihm und sprach: Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser. Und er sprach: Komm her! Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu. Als er aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und schrie: Herr, hilf mir! Jesus aber streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?
Petrus riskiert etwas, als er aus dem Boot steigt und auf Jesus zugeht. In diesem Moment hat er alle rationalen Einwände beiseite geschoben und setzt konsequent auf Vertrauen. Er hört auf, sich dauernd abzusichern und erhält dafür einen Zuwachs an Freiheit. Als er das Boot verlässt, überschreitet er die Grenzen seiner engen, berechenbaren Welt. Für einen Augenblick erfährt er die lösende Kraft des Glaubens, ehe sein Realismus ihm wieder einen Strich durch die Rechnung macht.
Er sieht auf die Wellen, er achtet auf den Wind. Seine Vernunft signalisiert ihm Gefahr. Und schon ist er eingeholt von seiner Angst, die ihn schwer macht und einsinken lässt. Im entscheidenden Augenblick traut er Gott nichts zu und muss erfahren, wie ihm sein Lebensfundament wegbricht.
Daneben Jesus auf dem Wasser: Das ist für mich das Bild des Glaubens, eine Zusage und eine Herausforderung! Jesus auf dem Wasser, im Sturm: Das ist die absolute Leichtigkeit des Seins! Hier bleibt einer obenauf, weil er die Mitte gefunden hat; weil er ganz im Herzen Gottes ankert. Eine Mutgeschichte. Ich höre sie gern. Jetzt, so kurz vor dem Beginn der Passionszeit und zu allen Momenten, in denen ich kein Land sehe. Wir können uns auf diese Geschichten mit Perspektive verlassen.
Glauben heißt Freiwerden von Angst. Glauben heißt Leichtwerden.
Was für eine Aussicht!
Wolfgang Blaffert, Landesjugendpfarramt Hannover