Leben: ein unerschöpfliches Thema. Jede Ausstellung jedoch braucht einen Rahmen. So kam der Gedanke auf, mit dem Bild der Strasse zu arbeiten.
"Stell dir vor, das Leben ist eine Strasse." Das war der Ausgangspunkt für alle. Das musste in irgendeiner Weise in die Gestaltung mit einfließen.
"Strasse" ist ein Ort, ein Erfahrungsraum, mit dem jede und jeder etwas anfangen kann.
Dieses Bild ist einerseits ganz real gemeint. Die Straße als Baukörper. Sie ist unterschiedlich gestaltet: kurz oder lang, schmal oder breit, mit Kopfsteinpflaster oder Asphalt, mit Nebenstraßen, Kreuzungen bzw. als Straßennetz, durch Tunnel, in die Ferne oder als Sackgasse usw. In dieser Richtung hat sie unterschiedliche Funktionen: Von der Feld- und Landstraße über die Fernstraße bis zur Autobahn; von der Fußgängerzone über den Stadtring bis zur Hochstraße etc.; von der Haupteinkaufsstraße über die Spielstraße bis hin zur Kneipenstraße. An ihr liegen unterschiedliche Dinge: Häuser, Mauern, Schallschutzwände, Plätze, Fabriken, Parkanlagen usw.
Andererseits ist das Bild der Straße auch im übertragenen Sinne zu verstehen: „Stell dir vor, das Leben ist eine Straße…“ – das Leben als Straße.
Ein Lebensweg hat Ziele, Umwege, Stops und Aufenthalte sowie Problemstellungen, Fragen und Lösungen. Oft muss man sich bei einer Weggabelung entscheiden. Man trifft andere Menschen, kommt am gesuchten Ort an oder muss wieder aufbrechen. Was sind Hindernisse, Fragen und Probleme? Was bringt einen voran?
Straßen-Assoziationen von A-Z
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Straßen-Körper
Vielfach sind Straßen heute dem Verkehrssystem untergeordnet. Sie sind differenziert in Fahrbahn und Randzone mit Parkplätzen, Seitenstreifen, Haltestellen, Rufsäulen für Taxis etc.. Fahrradwege und Bürgersteige bilden Zwischenzonen, an die sich Wohnungen, Geschäfte, Betriebe, Schulen, Sportstätten, Gärten, Plätze, Parks, Felder usw. anschließen.
Selten existiert eine Straße alleine. Erst ihr Geflecht sowie die in und auf ihr stattfindenden Aktivitäten erwecken sie zum Leben. Die Straße nimmt Menschen, Güter und Fahrzeuge aller Art auf. Sie ist damit lebendig und vielfältig. An ihr wird gewohnt, gehandelt, produziert, man bewegt sich auf ihnen fort. Auf Straßen wird gespielt, demonstriert und gestorben. Es gibt Haupt- und Nebenstraßen, Verbindungsstraßen und Sackgassen. Es gibt Plätze und gebäudeleere Alleen. Die Straßen ziehen sich durch unterschiedliche Stadtviertel – wohlhabende und durchmischte. (Neben den mächtigen Bankgebäuden steht der heruntergekommene Kiosk.) Es gibt Zwischenräume und Räume des Verfalls. Auch unterliegt der Stadtraum durch die jeweilige Gestalt der Straße stets dem Wandel: aus einer Durchgangsstraße wird eine verkehrsberuhigte Zone. Die Fußgängerzone verändert die Innenstadt.
Es gibt Versuche, die Verkehrsdominanz der Straße abzuschaffen durch Verkehrsberuhigungs-maßnahmen wie Verengungen, Erhebungen und durch den Ausschluss des Autoverkehrs etc.
Straßen-Raum
Straßen dienen nicht nur der Mobilität, sie können auch Orte von Festen, Protesten und Sportereignissen sein – Straßenfeste, Fahrradrennen, Demonstrationen, Prozessionen etc. finden auf ihnen statt. Unterschiedlichste Aktivitäten gestalten das Leben der Straße wie der Straßenverkauf, das Straßencafé, die Straßenmusik oder das Straßentheater. Auf den Straßen gibt es Betteln, Prostitution, Werbung etc. Sie ist Treffpunkt von Szenen.
Die Straße ist ein Raum. Dieser wird durch verschiedene Artefakte und durch die in ihm aktiven Akteure strukturiert. Dadurch entsteht ein räumliches Zeichen-, Symbol- und Repräsentationssystem, das auch Gebrauchsanweisungen zur Orientierung im Straßenraum liefert, z.B. durch Verkehrsschilder und Straßennamen.
Straßenraum kann nicht unabhängig von den sich darin aufhaltenden Menschen und ihren verschiedenen Tätigkeiten gedacht werden. Straße ist ein Raum fortlaufender Ereignisse, der Sensationen wie der Langweile, der Brüche wie der Harmonien. Als öffentlicher Raum ist sie ein Ort des sozialen Lernens: Denn die Vielfalt der Nutzungen bedeutet nicht nur Angenehmes, Unterhaltendes, Bereicherndes. Dazu gehört ebenso die Auseinandersetzung mit Unerfreulichem, Hässlichem und Quälendem im Alltag der Stadt.
Man flaniert und bleibt stehen, schaut und schwatzt, trifft andere Menschen und konsumiert. Auf der Straße raucht, isst und trinkt man. Danach zieht man sich zurück aus dem urbanen Leben in den privaten Raum der Wohnung und rüstet sich dort für das abermalige Eintauchen in den flutenden öffentlichen Raum der Straße, auch mit seinen sozialen Problemen und Brennpunkten. Straßenraum ist heterogen und kann immer wieder Ort realer Begegnungen sein.
Straßenzustandsbericht als Lebensmetaphorik
Leben! Und wie!? … Wer bin ich? Wer will ich sein? Woran glaube ich? Wer und was gibt mir Halt? Was interessiert mich, warum?
Leben heißt Passagier sein, in Übergängen leben. Man muss auf der Straße bleiben, nicht vom rechten Weg abkommen. Wann bin ich ins Schleudern geraten? Wann war ich auf der Überholspur, wann ging es zügig voran? Wann bin ich im Straßengraben gelandet? Wer holte mich von der Straße? Wo hat es gekracht? Wann musste ich abbremsen? Wo habe ich die Anschlussstelle verpasst? Woher und wohin denn nun? Wie kann ich mich geschickt einfädeln? Wie komme ich keinem in die Quere? Werde ich als Straßenkehrer enden? Der Weg ist das Ziel. Stop-And-Go.
Wer öffnet Erfahrungen für den Prozess des Fahrens, des Er-Fahrens? Die Bibel als Straßenatlas, die Psalmen als Notrufsäulen, die Gebote als Straßenverkehrsordnung, Vergebung als Leitplanken, Gleichnisse als Raststätten?
(Diese Bilder verdanken wir dem instruktiven Artikel des Religionspädagogen Bernd Beuscher: „King of the road“ oder „viator mundi“? Ein Straßenzustandsbericht. In: Straße und Straßenkultur: interdisziplinäre Betrachtungen eines öffentlichen Sozialraums in der fortgeschrittenen Moderne. Konstanz 1997)