Fachtagung Landesarmutskonferenz Niedersachsen
Sozialer Sprengstoff? – Zur Situation benachteiligter Jugendlicher und junger Erwachsener in Niedersachsen
Glänzende Aussichten für 2007! Die Konjunktur brummt, die Unternehmensgewinne nehmen zu, sogar die Beschäftigtenzahlen steigen.
Und was ist mit den Verlierern? Immer mehr Jugendliche und junge Erwachsene haben kaum noch Chancen auf gesellschaftliche Teilhabe. Mögliche Konsequenzen: Desintegration, Ausgrenzung, Verweigerung, Radikalisierung.
Die Landesarmutskonferenz Niedersachsen wollte mit einer Fachtagung über die Situation benachteiligter Jugendlicher in Niedersachsen aufklären. Sie wollte ein Zeichen setzen, damit das Problem der Jugendarbeitslosigkeit/Jugendarmut noch stärker in das Blickfeld der politischen und öffentlichen Diskussion kommt.
Der kleine Saal des Freizeitheims Vahrenwald platzte aus allen Nähten, als Martin Fischer, der Sprecher der Landesarmutskonferenz, die mehr als 100 Teilnehmenden begrüßte. Mit einer solchen Resonanz habe man gar nicht gerechnet, gestand er. Umso mehr freue er sich über den großen Zuspruch und wünsche allen Anwesenden einen ertragreichen Fachtag.
Bürgermeister Bernd Strauch erinnerte in seinem Grußwort an die TV-Sendung „Vor 30 Jahren“. Wenn er die sehe, müsse er immer wieder mit großem Schrecken feststellen, dass sich eigentlich nichts verändert habe. Die Armutsproblematik sei heute so aktuell wie damals. Selbstkritisch räumte er ein: »Es ist uns nicht gelungen, daran etwas zu verbessern.« Er wünsche den Zuhörenden, dass sie verwirklichen möge, was seine Generation nicht geschafft habe.
Der wesentliche Teil des Vormittags gehörte Professor Werner Greve aus Hildesheim.
„Entwicklungsspsychologische Aspekte bei benachteiligten Jugendlichen“, lautete sein Thema, mit dem er sich – noch ein Geständnis – wie bei einem Auswärtsspiel vorkam. Denn er hatte nicht vor, Zahlenmaterial und große Statistiken zu präsentieren, sondern wollte die Fragestellung von einem ganz anderen Blickwinkel aus beleuchten – eben aus entwicklungspsychologischem.
Das sollte nicht als Engführung verstanden werden oder als mangelndes Engagement.
Professor Greve: »Ich gehöre einer Generation an, die in 30 Jahren zu den Siebzigjährigen gehören wird. Viele von Ihnen hier ebenfalls. Meinem Interesse an benachteiligten Jugendlichen liegt ein persönliches Interesse zugrunde, weil wir die Alten von Morgen sind. Denn unter anderem diese Jugendlichen werden dafür zuständig sein, dass es uns gutgeht.«
Der Vortrag teilte sich in vier Hauptthemen auf:
1. Werte
Jugendliche haben keine Werte mehr, so die landläufige Meinung. Eine solche Ansicht lässt sich jedoch nicht halten. Insgesamt ist die Zahl der Straftaten Jugendlicher rückläufig. Und auch straffällig gewordene Jugendliche besitzen Werte und kennen die gesellschaftlichen Spielregeln. Das Problem bei ihnen besteht darin, dass sie sich partiell entschieden haben, diese Regeln in bestimmten Fällen nicht mehr zu befolgen. Das hängt mit einem Faktor zusammen, den Professor Greve als „Sinnarmut“ bezeichnete. Wenn der Wert eigener Anstrengung von der Gesellschaft nicht gewürdigt wird oder wenn er einem selbst nicht mehr erkennbar ist, dann fehlt auch der Anreiz, sich gesellschaftskonform zu verhalten. Greve wurde einmal von einem Dealer gefragt, was er denn davon habe, seinen Hauptschulabschluss nachzuholen, wenn am Ende doch nur ein Lohn knapp über Hartz IV zu erwarten sei. Eine überzeugende Antwort, so der Vortragende, war ihm darauf nicht eingefallen.
Der Bedeutungsverlust der Kirchen hat ein Vakuum hinterlassen. Generell fehlt vielen Menschen eine Sinnperspektive. Greve demonstrierte das am Beispiel „Demut“, die er nicht als Unterwürfigkeit verstanden wissen wollte, sondern als Dankbarkeit für das, was man hat. Demut ist aus der Mode gekommen – mit weitreichenden Negativfolgen. An ihre Stelle ist eine Neidkultur getreten, in der man sich permanent mit anderen vergleicht. Greve betonte, dass er nicht rückwärtsgewandt argumentiere. Es gehe ihm nur darum, auf ein Defizit aufmerksam zu machen.
In der Wertefrage muss man grundsätzlich mit Vorsicht agieren und sich davor hüten, die eigene Perspektive absolut zu setzen. Wer sich über ausufernde Computernutzung aufregt, soll sich lieber fragen, ob der Zug der Zeit vielleicht ohne ihn den Bahnsteig verlassen hat. Außerdem bleibt zweifelhaft, ob ein Nachmittag mit Winnetou III früher wirklich gehaltvoller war als heutzutage ein Nachmittag am PC. Wer mit strikten Aussagen über Jugendliche daherkommt, läuft Gefahr, aus der Dinosaurierperspektive zu urteilen. Die hatten damals auch allen Grund, sich über die Säugetiere aufzuregen.
2. Integration und Kooperation
Integrieren sollen sich alle, und wenn sie dazu nicht in der Lage sind, sollen sie wenigstens kooperieren – so skizzierte Greve den unreflektierten Grundkonsens, nach dem in unserem Lande auch Politik gemacht wird.
Integration scheint allerdings bereits in der eigenen Biographie oft gar nicht angestrebt zu werden. Greve erläuterte dies am Beispiel eines Deutschtürken aus Berlin, der sich ständig zwischen beiden Kulturen hin und her bewegt. Diese Kulturwechsel bereiten ihm offenkundig keine Probleme. Er ist kein Einzelfall. Integration scheint von daher etwas zu sein, das der gegenwärtigen Situation vieler Menschen nicht mehr entspricht. Vielleicht ist ein tolerierendes Miteinander bereits mehr.
Auch der alternative Weg der Kooperation ist kein Allheilmittel. In Strafanstalten wird derzeit ein Programm gefahren, das sich „Chancenvollzug“ nennt. Den Strafgefangenen stehen bestimmte Möglichkeiten offen, die Vergünstigungen nach sich ziehen, wenn sie diese nutzen. Wer sich verweigert, muss die entsprechenden Konsequenzen tragen. Was beim ersten Hören durchaus sinnvoll klingt, erweist sich bei näherer Prüfung allerdings als problematisch. Greve:» Kooperation ist etwas, das man lernen muss.«
Wenn Jugendliche bislang dazu nicht in der Lage waren, hilft ihnen ein solches Programm überhaupt nicht.
3. Verlierer
Wir leben in einer Welt, die Verlierer produziert. Das lässt sich am Bereich „Information“ besonders verdeutlichen. Der Informationsfluß wird immer komplexer und schneller. Was wir eben aufgenommen haben, ist im nächsten Moment schon überholt. Selbst wer beruflich permanent mit Informationen zu tun hat, fühlt sich der Flut oftmals nicht mehr gewachsen. Umso heftiger trifft es jene anderen, die mit dem Tempo nicht Schritt halten können. Sie sind schlichtweg überfordert. Hier rührte Greves Vortrag an einen heiklen Punkt. Denn alle Forderungen nach Chancengleichheit laufen ins Leere, wenn bestimmte Menschen die geforderten Chancen gar nicht realisieren können. Nimmt man das zur Kenntnis, ergeben sich zwei prägnante Forderungen.
»Es muss uns gelingen, für die Abgehängten einen Lebensplatz zu schaffen, der zum einen für sie sinnvoll ist, zum anderen aber auch für die Außenstehenden.«
Greve führte ein Beispiel an, das in den Köpfen der Anwesenden hängen bleiben sollte: Das „Ziegen-Peter-Prinzip“. Der Ziegen-Peter im Roman „Heidi“ treibt die Ziegen jeden Tag auf die Alm, was die eigentlich ebenso gut allein schaffen würden, im Dorf aber durchaus als echte Arbeit anerkannt wird.
4. Aussichten
Der neue Starbegriff in der Entwicklungspsychologie ist der der „Resilience“, was in etwa so viel wie „elastischer Widerstand“ bedeutet. Von Resilience spricht man, wenn eine Biographie trotz ungünstiger Ausgangsbedingungen später einen normalen Verlauf nimmt. Auch wer eine schwierige Kindheit gehabt hat, muss nicht zwangsläufig ein problematisches Erwachsendasein führen. Untersuchungen haben ergeben, dass jede und jeder zur Resilienz eines Menschen beitragen kann. Manchmal reicht schon eine Person aus, um die positiven Ressourcen zu aktivieren, ebenso können klare, positive Strukturen dazu beitragen, dass jemand eine gute Entwicklung nimmt.
Was aber ist eine gute Entwicklung? fragte Greve.
»Eine gute Entwicklung ist eine Entwicklung, die eine weitere Entwicklung möglich macht.«
Was beinahe wie ein Zirkelschluss klingt, zielt in Wirklichkeit darauf, Benachteiligte zu stärken und ihnen ihr Recht auf Freiheit zu ermöglichen.
Wir dürfen nicht bei schönen Appellen stehenbleiben. Es hilft niemandem etwas, wenn wir die Wirklichkeit ausblenden. Wir brauchen Strategien, die mit den Realitäten rechnen. Banal gesagt: Wenn ich ständig vergesse, Milch einzukaufen, dann muss ich mir eben irgendwann einen Einkaufszettel machen anstatt dauernd nach neuen Ausreden zu suchen oder mein Gedächtnis in Frage zu stellen.
Auf die benachteiligten Jugendlichen bezogen, bedeutet das: Regulations- und Stabilisierungsprozesse sind wichtig. Professor Greve schloss mit den Worten: »Entwicklung kann auch darin bestehen, dass man irgendwann keine Entwicklung mehr sieht. Entwicklung kann in Stabilität münden. Vielleicht kann der Fortschritt gerade darin bestehen, dass man mal relativ lange nichts sieht.«
Viel Stoff zum Nachdenken, was mit reichlichem Applaus quittiert wurde.
Übergangslos ging es in die 4 Workshops:
1 Schule, Ausbildung, Beruf
2 Abweichendes Verhalten, Kriminalität
3 Flucht / Migrationshintergrund
4 Milieu-Stadtteilbindung, Wohnsituation
Im Workshop 1 berichtete Beatrix Herrlich von der GF Jugendsozialarbeit in Niedersachsen Beunruhigendes:
10 – 15 % aller Jugendlichen verlassen die Schule ohne Abschluss.
40 % aller Ausbildungswilligen landen in Ersatzmaßnahmen ohne Abschluss.
Nur jede(r) dritte Bewerber(in) mit Migrationshintergrund wird in eine Ausbildung vermittelt.
Die Teilnahme an Berufsvorbereitung erhöht das Risiko, keine Ausbildung zu erhalten.
Nur 27 % aller Jugendlichen sind in der dualen Ausbildung.
Die Zusammenlegung verschiedener Sozialsysteme in Hartz IV hat deren Ausdünnung zur Folge gehabt. Die Betroffenen werden zwischen den Nichtzuständigkeiten zerrieben.
Immer mehr Jugendliche fallen durch alle Raster.
Seit 2007 ist eine Kürzung der Zuwendungen auf Null selbst bei den Unterkunftskosten möglich. Man kann daher mit allem Recht von staatlich produzierter Obdachlosigkeit sprechen.
Die Jugendberufshilfe befindet sich im Umbruch. Planungssicherheit besteht nur noch bis zum 01. Juni dieses Jahres.
Für freie Träger werden die Zugänge schwieriger.
Auch aus den anderen Workshops kamen keine erfreulichen Nachrichten.
Die abschließende Podiumsdiskussion, an der neben Frank Ahrens vom DGB und Rüdiger Timm, Vorsitzender des Bundesverbands junger Unternehmer, auch Landesjugendpastorin Cornelia Dassler kurzfristig teilnahm, ergab wenig Konfliktstoff zwischen den Beteiligten. Man lag nicht weit auseinander. Cornelia Dassler verwies auf den Jugendsozialhilfegipfel im vergangenen Jahr und auf das Projekt „Szenenwechsel“, als sie nach kirchlichem Engagement für benachteiligte Jugendliche gefragt wurde.
Insgesamt lässt sich sagen: Die Situation benachteiligter Jugendlicher ist dramatisch. Wenn nicht alle Seiten, Kirche, Gewerkschaft, Wirtschaft und Politik, ernsthafte Anstrengungen unternehmen, die Gesamtsituation zu verbessern, wird eine ganze Generation um ihre Zukunft betrogen werden. Es darf nicht sein, dass Wohlstand auf Kosten von Menschen vermehrt wird, die ihr Leben noch vor sich haben. Es darf nicht sein, dass wir zusehen, wie Menschen zu Opfern und Verlierern gemacht werden. An der Thematik wird weiter zu arbeiten sein, auch im Landesjugendpfarramt.