„Ich sehe was, was du nicht siehst“ – habt ihr diesen Satz noch im Ohr?
Wann habt ihr das Spiel zuletzt gespielt? Ich habe es schon als Kind geliebt. Immer wieder staune ich über den nicht enden wollenden Elan von Kindern dabei. Die Zeit vergeht dabei wie im Fluge – z.B. bei langweiligen Autofahrten. Faszinierend am Spiel „Ich sehe was, was du nicht siehst“, ist der Wettbewerb im Aufmerksam-Sein. Gelingt es mir, die Sichtweise der Mitspielerin zu verstehen? Wer findet eher heraus, was der andere gesehen haben könnte? Was die andere Person mich raten lässt, das entdecke ich für mich so manchmal ganz neu. Meine Aufmerksamkeit wird durch das Spiel auf Details gelenkt, die ich bisher nicht beachtet, nicht gesehen hätte. Und so nebenbei zeigt mir das Spiel „Ich sehe was, was du nicht siehst“ neue Sichtweisen auf die Mitspielenden.
Ganz kleine Kinder spielen gerne noch ein anderes Spiel: Sie verstecken sich selbst unter einem Tuch, sehen nichts mehr und erleben das so, als wären sie weg. Ich seh’ dich nicht – dann siehst du mich auch nicht. Manchmal erscheint es mir, als wäre das ein beliebtes Spiel in weiten Teilen unserer Gesellschaft: Ich tauche ab. Drücke mich vor einer Entscheidung. Bin nicht zuständig. Aber geht das?
Da war der Amoklauf in Winnenden. Am liebsten hätten wir uns diesem Leid vielleicht gar nicht ausgesetzt, uns zurückgezogen. Und doch: Wir haben die Nachrichten gesehen, gehört, gelesen und sind betroffen. Mit tiefer Anteilnahme haben wir die Nachrichten verfolgt. Die Gedenkfeier steht uns vor Augen. Die vielen Diskussionen und Interviews der letzten eineinhalb Wochen machen deutlich: abtauchen können wir angesichts eines solch furchtbaren Ereignisses nicht mehr. In unserer Betroffenheit steigt ein Gefühl von Hilflosigkeit in uns auf. Was können wir tun? Da bin ich beim Thema unseres Gottesdienstes: Siehst du mich?
Sehen – und nicht gesehen werden - das hat wohl etwas mit dem Amoklauf in Winnenden zu tun. „Amok“ – das Wort stammt aus der Malaiischen Sprache und heißt soviel wie: in blinder Wut angreifen und töten. In blinder Wut. Wut, die nichts mehr sieht. Wie kommt es dazu? Auf diese Frage gibt es keine einfache Antwort – wir können sie nur aushalten, hinhören.
In der Trauer um die Verstorbenen wird uns bewusst, wie zerbrechlich und gefährdet Menschenwürde, ja sogar Menschenleben sind. Und so suchen wir nach Wegen, dieser Bedrohung etwas entgegenzusetzen: Junge Menschen mehr beachten. Sie nicht sich selbst überlassen, nicht zuhause am Computer, nicht in der Schule, nicht auf der Strasse. Eine Kultur des Hinsehens nennt Bundesministerin von der Leyen das.
Wir könnten auch – mit den Worten des Jugendkreuzwegs sagen: Sieh genau hin. Sieh genau hin, sieh auf dich selbst und auf andere! Wenn wir anfangen, einmal genauer hinzusehen, dann werden wir sensibel für die Frage vieler junge Menschen. Siehst du mich? Diese Frage lese ich im Verhalten von Kindern und Jugendlichen – besonders dann wenn sie angeblich „auffällig“ sind. Was für eine treffende Bezeichnung: „auffällig“. Ihr ganzes Verhalten legt es darauf an, dass diese Frage gehört wird: Siehst Du mich?
Siehst Du mich? Unter diesem Motto steht der Jugendkreuzweg. Denn der Kreuzweg Jesu hat mit Hinsehen zu tun . Siehst du mich? fragt Jesus am Kreuz. Mitten im Leiden. Er fragt Gott: Mein Gott, siehst du mich? Ich leide! Warum hast du mich verlassen? In dieser Frage kommt uns Jesus nah. Jede und jeder von uns hat sich schon verlassen gefühlt, von allen, auch von Gott. Wie ist der Weg aus der Tiefe der Verlassenheit?
Diese abgrundtiefe Einsamkeit überwinden wir nur, wenn wir sie ausdrücken – und sei es mit einem Schrei: So wie Jesus schreit: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ein solcher Schrei braucht eine Adresse, ein Ohr. Irgendwo muss ein Gegenüber sein, das meinen Aufschrei entgegennimmt und darauf reagiert.
Siehst Du mich? - Der Titel des diesjährigen Kreuzwegs klingt wie eine Abwandlung des Spiels „Ich sehe was, was du nicht siehst“. Was gilt es für uns zu entdecken? Ich denke, wir könne eine mutmachende Erfahrung machen, wenn wir den liebenden Blick Gottes auf uns entdecken und zulassen. Dann können wir uns selbst neu sehen lernen und annehmen.
Ich sehe was, was du nicht siehst – genau das sagt auch Gott zu uns, wenn wir verzweifelt rufen: „Mein Gott, mein Gott warum hast du mich verlassen?“ Ich sehe dich, sagt Gott auch, wenn du abtauchst, dich versteckst vor dem Leben, dich nicht entscheiden kannst. Ich sehe dich, wenn du Angst hast, wenn du nicht mehr aushalten kannst, was du doch durchstehen musst. Genau dann sagt Gott uns zu: Ja, ich sehe dich, ich bin bei dir...
Und in all dem sind wir Jesus nah, ist er uns nah. Das können wir im diesjährigen ökumenischen Jugendkreuzweg entdecken. Passion ist nicht eine seltsame oder traurige Zeit im Kirchenjahr, sondern die Erfahrung der Nähe Gottes mitten im Leiden. Ja, ich sehe dich, sagt Gott – ich sehe dich mit den Augen der Vergebung und der Liebe an. Das dürfen wir uns sagen lassen.
Und dann passiert ein Wunder: auf einmal können wir wieder hinsehen, mit-leiden und mit-handeln. Wir können als die Angesehenen bei Gott mutig entscheiden, weil wir wieder spüren: Wir haben eine Wahl und wir können Verantwortung übernehmen, für das Miteinander in unserer Gesellschaft.
Ich bin fest davon überzeugt: Menschen, die wissen, dass sie von Gott angesehen sind, leben anders. Verantwortlich. Miteinander. Sie verübeln es den Kindern der Nachbarin nicht, dass sie so laut sind. Sie haben ein offenes Ohr für die alten Dame gegenüber, die verbittert ist. Sie haben eher Verständnis für den seltsamen Mann, der in der Bahn mit sich selber spricht. Sie haben etwas mehr Geduld mit der übermüdeten Frau an der Kasse im Supermarkt.
Menschen, die wissen, dass sie von Gott angesehen sind, haben eher einen Blick für den Jugendlichen, den sie eigentlich nicht verstehen können. Sie sehen in ihm oder ihr einen Menschen, der nicht zu aller erst Defizite hat, sondern einen unschätzbaren Wert.
Ich sehe was, was du nicht siehst – das heißt übersetzt: Ich schenke Dir meine Aufmerksamkeit. Ich schenke Dir meine Aufmerksamkeit und vielleicht meine Liebe. Du bist wertvoll und wichtig.
Nein, das sind keine leeren Worte. Das sagt Gott zu uns schon von je her. Und wir sollen es anderen sagen. Fangen wir gleich heute damit an. Und es wird sicherlich Wunder wirken.
Cornelia Dassler