(tokamuwi / www.pixelio.de)
Es gibt keine Sitzplätze mehr. Auch der Gang ist belegt. So kommt man sich näher als man eigentlich möchte. Eine Ladung Menschen, dicht bei dicht, die nichts voneinander wissen. Träume, Wünsche, Sehnsüchte, gut verborgen hinter den Gesichtsmasken, die sich allesamt um Ausdruckslosigkeit bemühen.
Als die Bahn hält, drängt der nächste Schwung nach innen. Ich werde an den Rand geschoben, Richtung Fenster. Draußen flimmert die Straße nach einem kurzen Sommerregen. Die Dächer glänzen golden, und in jedem Fenster scheint eine Sonne zu strahlen. Wir sind übergossen von Licht.
„Was liest Du denn da?“ Ich drehe mich um. Die Fragende hat sich leicht vorgebeugt zu der Frau gegenüber. „Och, nichts Besonderes“, meint die, um wieder in ihrer Lektüre zu versinken. Ich bin direkt hinter ihr und kann über ihre Schulter schauen. „Eine kleine Anleitung zum Glück“ steht über den Buchseiten. Mehr lässt sich nicht entziffern, die Schrift ist zu klein.
Schade. Nun werde ich niemals erfahren, wie man sein Glück findet. Oder ich könnte die Frau bitten, uns allen vorzulesen. Oder ich könnte mich weiter nach vorne beugen, bis meine Augen die Buchstaben erkennen. Oder…
Aber eigentlich habe ich auch gar nicht vor, mich anleiten zu lassen. Ich glaube nicht an Gebrauchsanweisungen. Jesus auch nicht!
Als er einmal nach dem Reich Gottes gefragt wurde, hat er den Leuten kein Handbuch mitgegeben. Er macht es ihnen viel einfacher – und damit schwerer.
„Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man’s beobachten kann; man wird auch nicht sagen: Siehe, hier ist es! oder: Da ist es! Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch.“ (Lk. 17, 20b-21).
Daran muss ich denken, als ich die Lesende vor mir beobachte. Mir kommt die Vermutung, dass es mit dem Glück nicht anders ist als mit dem Reich Gottes. Ja, im Grunde handelt es sich um ein und dasselbe.
Die Frau krümmt den Rücken, so als wollte sie ganz in den Text tauchen. Ich sehe ihr noch eine Weile zu, ehe ich mich wieder zum Fenster wende. Draußen leuchten die Wege wie geschmolzene Sterne.
Wolfgang Blaffert