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Groß und Klein
(www.pixelio.de / Ulla Humbert)

Sie hatte schon lange gewusst, was sie sein wollte. Für sie kam nur eine Rolle in Frage. Das hatte sie dem Pastor rechtzeitig gesagt, und der hatte sie ihr auch zugesichert. Aber ein wenig aufgeregt war sie doch, als alle Kinder zusammenkamen, die am Krippenspiel teilnehmen wollten. Ein wenig beunruhigte es sie, dass der Pastor so weit von ihr entfernt saß. Und noch unruhiger wurde sie, als er mit einem Jungen begann, der direkt neben ihm saß. Bis zu ihr war es noch so weit! Der Pastor bestätigte dem Jungen, dass er, wie gewünscht, einer der drei Weisen aus dem Morgenland werden könne. Aha, noch so eine Vorbestellung.
Gleich darauf war auch schon sie an der Reihe – und sie bekam, was sie sich gewünscht hatte: sie sollte Maria werden. Erleichtert lehnte sie sich zurück, die Aufregung legte sich - und dann begann das Elend.

Logischerweise wurde nun gefragt, wer den Joseph spielen wolle. Sofort meldete sich jemand, der die Rolle auch zugeteilt bekam. Eine Katastrophe!  Denn der, der den Joseph spielen sollte, war zwei Köpfe kleiner als Maria. Vorbei war’s mit der guten Stimmung. Wie würde das denn aussehen?  Maria, die Große, mit Joseph, dem Kleinen – die Leute würden sich ausschütten vor Lachen, wenn Joseph seine Maria stützen sollte. Nein, unmöglich !             
Da gab es nur eines, auch wenn es schwer fiel: sie würde auf die Rolle verzichten!  Als gerade ein wenig Tumult war, nutzte sie ihre Chance, ging zum Pastor und trug ihm ihren neuen Wunsch vor. Der hatte mittlerweile anscheinend ebenfalls gewisse Zweifel bekommen, ob die Wahl so günstig war. Er versprach ihr, einen anderen Joseph zu suchen; nur heute solle sie sich mit dem vorhandenen begnügen.
Als Maria zu ihrem Platz zurückging, wußte sie nicht, ob sie zufrieden oder unzufrieden sein sollte. Doch die Aussicht auf einen anderen Joseph beruhigte sie einigermaßen.
Es dauerte noch eine Weile, ehe die letzten Rollen verteilt waren – dann konnte endlich die erste Probe beginnen. Zuerst traten Engel auf, darauf war die Reihe an Maria und Joseph. Und Joseph zögerte keine Sekunde. Mutig trat er nach vorn. Maria aber blieb auf ihrem Stuhl. Sie war ein wenig nach vorne gerutscht, um dann mitten in der Bewegung zu erstarren. Nein, niemals, nicht einmal in einer Probe, würde sie neben diesem Joseph auftreten. Langsam schüttelte sie den Kopf. Und wenn die gesamte Probe platzen würde, das war ihr egal. Sie streikte!  Der Pastor begann zu schwitzen.  Unversehens war besonderes Fingerspitzengefühl gefragt. Maria musste bei der Stange gehalten, Joseph durfte nicht verletzt werden. Fieberhaft überlegte er, was zu tun war. Sollte er selbst…, zumindest heute? 
Da kam Rettung von unerwarteter Seite. Josephs größerer Bruder schlug vor, die Rollen zu tauschen. Er würde den Joseph spielen und sein Bruder
einen Hirten. Maria spielte mit, obwohl auch der neue Joseph immer noch kleiner war als sie, aber nur etwas. Die Probe war gerettet. Aber wie sollte es weitergehen?
Ja wie?


Hättet Ihr gelacht, wenn es bei der alten Besetzung geblieben wäre?  Ich kann Maria jedenfalls gut verstehen. Sie hatte ein sehr feines Gespür für die Unmöglichkeit der Situation. Ich vermute, es wäre kein Auge trocken geblieben, wäre es gelungen, Maria zu überzeugen, mit dem kleinen Joseph loszuziehen. Das Missverhältnis von Groß und Klein wäre so offensichtlich gewesen, dass es niemandem entgangen wäre.
Mit den neutestamentlichen Erzählungen um Advent und Weihnachten verhält es sich im Grunde nicht anders.  Sie beschreiben ebenfalls ein krasses Missverhältnis – die Unmöglichkeit einer Situation, weil Größenverhältnisse aufeinander prallen, die nicht zueinander passen.  Das Merkwürdige ist nur, dass daran niemand Anstoß nimmt.
Advent: Gott macht sich auf den Weg, um uns nahe zu kommen.
Heilig Abend: Gott beginnt nicht in einem Palast, sondern in einem Viehstall. 
Das Große findet zum Kleinen. Und das ist wirklich zum Lachen – aber nicht, weil es komisch ist, sondern überwältigend froh machend. 
Und darum müsste man eigentlich aus theologischen Gründen immer darauf achten, Maria zur Großen und Joseph zum Kleinen zu machen. Diejenigen, die am Heiligen Abend einem Krippenspiel zuschauen, sollten daran denken.

 

Gepriesen sei der Herr, der Gott Israels! / Denn er hat sein Volk besucht und ihm Erlösung geschaffen; Durch die barmherzige Liebe unseres Gottes / wird uns besuchen das aufstrahlende Licht aus der Höhe, um allen zu leuchten, die in Finsternis sitzen und im Schatten des Todes, / und unsre Schritte zu lenken auf den Weg des Friedens.
(Lukas1, 68.78-79)

Wolfgang Blaffert

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