Ist es euch schon einmal so ergangen, dass ihr beim Aufräumen unvermittelt auf altes Spielzeug gestoßen seid ?
Mit einemmal schaut euch der zerrupfte Teddy wieder an, ohne den man früher nicht einschlafen konnte. Oder es ist die Lieblingspuppe von einst, und man muss erst nachdenken, bevor einem der Name wieder einfällt. Oder es ist ein Cowboyhut oder ein Auto.
Und ihr steht da mit eurem Fund, dreht ihn in euren Händen und merkt kaum, wie ihr lächelt.
Eine Reise in die Vergangenheit, die vielleicht nur wenige Lidschläge dauert. Aber für diese kurze Zeitspanne steht uns eine Tür offen, durch die wir eintreten können in den Zauber von damals.
Unsere Kindheit lässt uns niemals ganz los. Sie kehrt immer wieder zurück - in solchen Erlebnissen, in Erinnerungen und in Träumen. Vielleicht gibt es nichts Wichtigeres im Leben eines Menschen als seine Kindheit. In ihr werden die entscheidenden Weichen für alles Spätere gestellt. Dort wird Vertrauen erlernt oder Mißtrauen; dort wird eine mutig oder einer furchtsam. Dort wird erfahren, was Liebe ist oder Verlassensein. Dort begegnet man seinem Glück oder Unglück. Und was immer wir dort erleben, das nehmen wir mit ins Erwachsensein.
Aber Kindheit ist mehr als nur ein Übergang - und mehr als bloß eine Schule fürs Leben.
Kindheit, das ist ein eigenes Reich, wo die Welt groß war und weit und voller Abenteuer. Und ein Tag war so lang wie ein Jahr. Und spielen konnte man bis zum Umfallen. Es gab Freundschaften, Streitereien und Versöhnungen. Es gab aufgeschlagene Knie und Herzklopfen vor Geburtstagen. Es gab Tränen und Ängste, die sich auflösten in neuer Freude und neuem Glück. Und man hatte so viele Fragen und wollte noch mehr wissen. Alles war wichtig, alles war aufregend und interessant. Es gab nichts, was einen vom Leben trennte.
Damals war einem das nicht bewußt. Man schielte auf die Erwachsenen und bewunderte sie, weil sie so klug waren und alles selbst entscheiden konnten. Man sehnte sich danach, endlich selber groß zu werden. Und dann wurde man groß und musste erkennen, dass man nicht nur etwas gewonnen hatte, sondern auch sehr viel verloren.
Jesus weiß davon. Im Matthäusevangelium wird darüber berichtet (18,1-4):
„Zu derselben Stunde traten die Jünger zu Jesus und fragten: Wer ist der Größte im Himmelreich ? Jesus rief ein Kind zu sich und stellte es mitten unter sie und sprach: Wahrlich, ich sage euch. Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen. Wer sich nun selbst so klein macht und wird wie dies Kind hier, der ist der Größte im Himmelreich.“
Die Anhänger Jesu haben sich gründlich verrechnet. Ihrer Frage nach dem Größten im Himmelreich wird ein heftiger Streit untereinander vorausgegangen sein. Und natürlich geht es dabei nicht um eine theoretische Diskussion, sondern um einen Schaukampf der Eitelkeiten. Jeder von ihnen beansprucht den besten Platz in der Sonne. Jetzt erwarten sie, dass Jesus Partei ergreift und einen von ihnen hervorhebt.
Doch er tut ihn diesen Gefallen nicht - stattdessen ruft er ein Kind zu sich und stellt es ihnen als Vorbild hin. Ausgerechnet ein Kind!
In der Gesellschaftsordnung der Antike zählten Kinder überhaupt nicht. Sie standen in der sozialen Skala ganz unten. Kinder besaßen keinen Wert. Sie galten als unfertig und ungeformt. Sie waren nicht mehr als eine Art Rohentwurf der Erwachsenen - bestenfalls halbe Menschen.
Ausgerechnet ein Kind stellt Jesus seinen engsten Anhängern als Vorbild hin. Damit durchkreuzt er ihre Herrschaftserwartungen und Machtansprüche.
Das Reich Gottes ist keine Fortsetzung menschlicher Verhältnisse. In ihm gibt es kein Oben und Unten, kein Besser oder Schlechter, sondern nichts als ein Miteinander. Das versucht Jesus, seinen Jüngern deutlich zu machen, indem er ein Kind in ihre Mitte stellt. Das ist das eine. Doch es geht noch um mehr:
„Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.“
Es geht Jesus nicht darum, sich mit Hilfe einer trügerischen Kinderromantik aus der Wirklichkeit zu stehlen. Er fordert uns nicht auf, unser Erwachsensein über Bord zu werfen. Wir können nicht wieder zu Kindern werden und wir sollen es auch nicht. Aber wir können werden wie sie. Das ist ein gewaltiger Unterschied.
Das heißt, von ihnen zu lernen.
All diese großen Fragen nach Wahrheit, nach Gut und Böse, nach Gott, sind im Grunde Kinderfragen.
Viele Erwachsenen stellen solche Fragen nur noch selten oder überhaupt nicht mehr. Vielleicht weil ihnen die Antworten darauf nie genügt haben. Vielleicht weil ihr Alltag ihnen kaum noch Gelegenheit dazu lässt.
Aber wer aufhört zu fragen, der wird vom Reich Gottes auch nie etwas spüren. Wer meint, auf solche Kinderfragen verzichten zu können, der lässt sein Leben aufgehen im Gewöhnlichen, im Wunderlosen; der lebt entzaubert.
Das Reich Gottes beginnt nicht mit guten Taten. Es beginnt mit den großen Kinderfragen. Sie machen es uns nicht leichter. Aber sie machen die Welt wieder weiter und offener. Und wir können lernen wieder zu staunen. Und manchmal kann es sogar gelingen, den Himmel auf die Erde zu holen. Schon hier und jetzt. Wolfgang Blaffert