Jugendarbeit ist ein hohes Gut!
Mit der Erfahrung der Gleichschaltung im Nationalsozialismus im Nacken gehört es zu den politischen Grundüberzeugungen in unserm Land, dass Jugendliche nicht zu Material einer von Propaganda gesteuerten Ideologie werden dürfen – welcher Couleur auch immer. Selbstbestimmt sollen junge Menschen an den demokratischen Strukturen der staatlichen und staatstragenden Organisationen partizipieren können und damit von Anfang an erfahren und lernen, dass die Grundwerte keine leeren Worte sind, sondern Geltung beanspruchen dürfen, gerade auch für Jugendliche, die zu mündigen Bürgern heranwachsen. Nicht als Objekte irgendeiner Idee sondern als Subjekte ihrer Interessen soll in den Jugendverbänden Raum sein für Engagement und Mitbestimmung.
Theologisch gesehen ist es keine Schwierigkeit, dieses hier nur knapp angedeutete Grundverständnis vom politischen Auftrag der Jugendarbeit in Übereinstimmung mit der reformatorischen Grundüberzeugung Martin Luthers von der Freiheit eines Christenmenschen in Einklang zu bringen. Auch ein wichtiger Grundgedanke des erst im letzten Jahr aus Anlass seines 100. Geburtstags gefeierten protestantischen Theologen Dietrich Bonhoeffer liegt hier nahe: Ohne das Ende des zweiten Weltkriegs erlebt haben zu dürfen, spricht Bonhoeffer in seinen letzten Fragmenten von der mündigen Welt, in der sich christliches Leben seiner Meinung nach anders als noch vor der einschneidenden Erfahrung des Krieges ereignen werden würde. Für ihn ist nicht eine bestimmte Form der Religiosität Kriterium für christliche Existenz, sondern die Fähigkeit, von Gott als mit Gott an der Gottlosgkeit der Welt mit leidender Mensch so zu sprechen, dass »gerade so ein überraschendes Licht auf die Welt fällt. Die mündige Welt ist Gott-loser und darum vielleicht gerade Gott-näher als die unmündige Welt.« Beide, Luther und Bonhoeffer, verstehen auf ihre Weise neu, was es meint, dass wir als Menschen Gottes Geschöpfe sind: Dazu gerufen, die Schöpfung in Frieden und Gerechtigkeit zu bebauen und zu bewahren und als Gottes Ebenbilder ausgestattet mit einer unantastbaren Würde diese Welt zu gestalten. Auch diese Werte sind ein hohes Gut. Zurzeit gibt es große Anstrengungen besonders unserer deutschen Kirchen dahingehend, diese Werte als klare christliche Werte mit einem Gottesbezug in der neuen Verfassung Europas zu verankern und in der Gestalt der Evangelischen Kirchen in Deutschland neu zur Geltung kommen zu lassen. Wir werden erleben, ob das gelingt. Für mich ist es eine brennende Frage, ob es uns als Christinnen und Christen gelingen wird, glaubwürdig mitten in unserer Welt unser Bekenntnis zu leben, glaubwürdig auch im Blick auf unsere Existenz als Kirche. In den notwendigen Veränderungsprozessen auf allen Ebenen gilt es deshalb für mich seitens der Landesjugendkammer glaubhaft und nachdrücklich deutlich zu machen, dass Jugendvertretungen sich aktiv einmischen und ihren eigenen Beitrag leisten wollen im Blick auf die zukünftige Gestaltung und Wahrnehmung des Verkündigungsauftrags von Christinnen und Christen in Kirche und Gesellschaft.
Vernetzung in der Jugendarbeit braucht Strukturen Dem Auftrag, wie ihn die Präambel formuliert oder Bischof Huber zum Ausdruck bringt, kommen wir nur nach, wenn durch die Jugendarbeit die Ordnung für die Evangelische Jugend sozusagen nebenbei so prall mit Leben gefüllt wird, dass immer wieder Jugendliche motiviert werden, sich in Konventen auf Gemeinde-, Kirchenkreis- Sprengelebene wie auch auf Landesebene in der Landesjugendkammer zu organisieren und diese als Gestaltungsmöglichkeit wahrzunehmen. Je aktiver Jugendliche sind, desto einsichtiger wird es sein, dass diese Aktivität auch berufliche Unterstützung und Begleitung braucht. Mitwirkung in der Kirche für Jugendliche Jugendgemäße Formen der Mitwirkung in großen Organisationen zu finden ist nicht leicht. Große Organisationen sind oft gerade dann, wenn sie demokratische Strukturen haben, ein wenig behäbig und schwerfällig und setzen einen langen Atem und lange Mandatszeiten voraus. Kirchenvorstände amtieren sechs Jahre und setzen Volljährigkeit bei den zu wählenden Kandidatinnen und Kandidaten voraus – aus guten Gründen. Die Lebensbedingungen für Jugendliche zwischen 16 und 27 Jahren sind aber von vielfältigem Wechsel und vielen Herausforderungen gekennzeichnet: Schulabschluss oder -wechsel, Beginn einer Ausbildung, viele Prüfungen, Studienbeginn – jeweils möglicherweise verbunden mit Ortswechseln und gravierenden Veränderungen im persönlichen Umfeld – oft auch mit Auswirkungen auf das Engagement in Kirchengemeinde und Jugendarbeit, sei es in gemeindlichen oder verbandlichen Zusammenhängen. Ein kürzer befristetes Engagement kommt diesen Bedingungen eher entgegen, als zu lange Festlegungen. Aber selbst in der Landesjugendkammer wirken sich die notwendigen Veränderungen im Leben junger Menschen aus: Auch in den drei Jahren, für die eine Kammer sich jeweils konstituiert gibt es noch einigen Wechsel. Daraus ergibt sich notwendig, dass immer wieder jemand Neues dazukommt und dann von vorne beginnt, Zusammenhänge zu verstehen, seinen oder ihren Platz zu finden. Deshalb ist es wichtig, dass die Mitwirkung Jugendlicher den Raum dafür lässt, dass nicht eine/r allein ein Mandat wahrnimmt, sich ganz allein zurechtfinden muss, sondern 1. Strukturen vorhanden sind, d. h. Gruppen da sind, in denen zusammen mit anderen Fragen gestellt und beantwortet, Positionen und Formen des Engagements entwickelt werden können. 2. In der Jugendarbeit gehört es zum guten Ton, ist es Standard, nicht eine Jugendvertreterin/einen Jugendvertreter allein zu entsenden, mit der Wahrnehmung von Aufgaben zu betrauen, sondern möglichst immer mindestens zwei Personen zusammen. Die Ordnung für die Evangelische Jugend ist zugleich Selbstverpflichtung und Herausforderung Ich halte es für sehr sinnvoll und notwendig, dass die Gemeinde – Kirchenkreis- und Sprengeljugendkonvente wie auch die Landesjugendkammer nach der Ordnung Gehör finden sollen, wenn es auf den jeweiligen Ebenen in kirchlichen Gremien um Belange der Jugendarbeit und Belange von Jugendlichen geht. Diese Form ermöglicht Mitwirkung Jugendlicher in einer ihnen angemessenen Weise, als wenn diese nur über die kirchlichen Gremien gegeben wäre. Die strukturelle Wahrnehmung von Jugendlichen und Jugendarbeit ist zugleich Selbstverpflichtung der Organisation Kirche und Herausforderung an die Jugendlichen und ist für beide Seiten verlässlich. Das eine - Engagement im Jugendverband und das Zusammenspiel zwischen den Gremien des Jugendverbands und denen der Kirche, schließt das andere, das Engagement Jugendlicher in den Gremien der Kirche, zudem ja nicht aus: Wer 18 Jahre alt ist und sich das vorstellen kann, kann sich auch in den Kirchenvorstand wählen lassen und hier Verantwortung übernehmen. Aber auch dazu gibt es noch eine Alternative: Im Blick auf die gewählten Gremien in der Landeskirche finde ich es gut und sinnvoll, auf allen Ebenen vom Kirchenvorstand bis zur Landessynode, die Form der Berufung von Jugendvertreterinnen/Jugendvertretern zu nutzen, um in den Gremien Beteiligung den Lebenslagen junger Menschen angemessen zu ermöglichen: Berufene Mitglieder eines Gremiums sind eher ersetzbar, als gewählte. Konvent ist kein verstaubtes Wort aus einem Lexikon Ich würde mir wünschen, dass wir die Ordnung für die Evangelische Jugend immer wieder daraufhin lesen, ob eigentlich alle Möglichkeiten des gewinnträchtigen Miteinanders von Jugendverband und verfasster Kirche zum Wohle der Jugendarbeit und im Sinne des Verkündigungsauftrags ausgeschöpft werden. Ich komme da immer mal wieder auf neue Ideen! Probiert es, Probieren Sie es einmal aus! Seht euch die Ordnung an und guckt mal, ob ihr jeweils da, wo ihr seid, lebt, was da steht! Evangelische Jugend: Fröhlich die unbequeme Botschaft von der Liebe leben Das mit der Ordnung für die Evangelische Jugend gegebene Gerüst für das Engagement kommt den in der Studie zu Realität und Reichweite der Jugendverbandsarbeit belegten Motiven Jugendlicher, sich in der Kirche zu engagieren meiner Meinung nach entgegen: »etwas für die eigene Entwicklung tun«, »etwas sinnvolles für andere zu tun« und »gemeinsam mit anderen in der Gruppe«. Eine so motivierte Jugend hat in der Kirche Jesu Christi als dem Ort, an dem sich die Liebe zu Gott, zum Nächsten und zu mir selbst verwirklicht, ihren Ort.Themen dafür, was es heißt, etwas Sinnvolles für andere zu tun gibt es reichlich. Die größte Herausforderung sehe ich in der steigenden Armut von Kindern und Jugendlichen in unserem Land. Hier sind wir als Evangelische Jugend gefragt, in Kirche und Gesellschaft Anwältinnen und Anwälte zu sein, uns konkret zu engagieren für mehr Gerechtigkeit und gelebte Nächstenliebe an Kindertafeln, in Hausaufgabenhilfen, in Projekten zu Gewaltprävention und kultureller und sozialer Integration, mit bezahlbaren und kreativen Freizeiten und Freizeitangeboten. Und dabei wollen wir jede Menge selber lernen und zusammen viel Spaß haben! Es ist politisch, zu einem Gott zu beten und von einem Gott zu reden, dessen gute Botschaft Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit für alle Menschen verkündet und gleichzeitig stillt gelebter Glaube den Durst in der Seele nach Sinn und stiftet Gemeinschaft jenseits aller kulturellen und sozialen Grenzen. Gott stellt nicht nur in seiner Kirche sondern auch in der Gesellschaft die Frage danach, ob die, die sich nach seinem Sohn Christen nennen, auch dann die Botschaft vom umfassenden Frieden und der Liebe fröhlich leben, wenn das unbequem ist.
Cornelia Dassler, Landesjugendpastorin
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