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Die weiteste Reise...

Die weiteste Reise auf kürzestem Weg

Sommer auf einer Nordseeinsel. Endlich ein Tag, der diesen Namen auch verdient. Wattewolken über den Dünen, ruhige See, ein leichter Wind, der sonnendurchglühte Wärme ins Land trägt.

Ich schwinge mich auf mein Fahrrad und gleite durch diesen Sommertag, der alles und jeden mit innerer Schwerelosigkeit beschenkt. Die Heide blüht, die Möwen kreisen lautlos, Hummeln brummen vorüber, und in jedes Gesicht, das einem begegnet, ist ein Lächeln hineingemalt.

Das Fahrrad wird zum Segelflugzeug. Ich schwebe, fliege – bis es plötzlich „pffft“ macht und das Hinterrad ungefedert über den Asphalt rollt. Ein Platten, na toll!

Ich bin 20 km von meinem Ausgangspunkt entfernt, habe kein Geld dabei, kein Handy und stecke sockenlos in meinen Turnschuhen (super Idee!).

Was soll ich tun?  Ein Auto anhalten oder den nächsten Busfahrer um eine Gratisfahrt anbetteln? Nee, das verbietet mir mein Stolz, und soo dramatisch ist es ja nun auch wieder nicht. Ich komme schon nach Hause, denke ich, bin doch sportlich.

Also steige ich wieder auf mein Fahrrad, das nichts mehr mit einem Segelflugzeug gemeinsam hat, eher mit einem Haufen Alteisen, und fahre die ersten Kilometer auf der Felge weiter. „Quietsch-quietsch“, macht es und „knirsch-knirsch“. Ich lehne mich weit nach vorne, was auch nicht viel nützt. Aber immerhin komme ich voran.

Schließlich erreiche ich den Fahrradweg, der nicht asphaltiert ist, sondern aus Splitt und Kies besteht. Die letzten 9 km werde ich also laufen müssen. Auf geht’s, sage ich mir, um bald darauf bei jedem Schritt ein lautes „Autsch“ zu denken. Ohne Socken läuft sich’s nun mal ziemlich schlecht. Ich habe das Gefühl, an jeder Ferse Schleifpapier zu tragen. Bis ich zu Hause bin, werden meine Füße wohl zwei Schuhnummern kleiner sein.

Zu allem Überfluss humpele ich ganz allein durch die Landschaft. Also Zähne zusammenbeißen und weiter.

Irgendwann, viele stumme Schmerzensgedanken später, kommen mir drei Radfahrer entgegen, die sofort anhalten, als sie mich sehen. „Brauchen Sie eine Luftpumpe?“ fragt der Erste. Ich sage ihm, dass das keinen Zweck hat. „Hier in der Nähe ist eine Bushaltestelle“, meint der Mann wieder, woraufhin ich ihm erzählen muss, dass ich kein Geld dabei habe. „Aber das ist doch kein Problem“, sagt der Zweite und greift in die Hosentasche. Er zieht einen Fünfzigeuroschein aus der Tasche. „Nein, das ist doch viel zu viel. Ich will den Bus ja nicht kaufen, sondern nur mit ihm fahren!“ rufe ich. Der Erste drückt mir nun zehn Euro in die Hand. „Reicht das?“ fragt er. „Das ist mehr als genug“, erwidere ich und erkundige mich nach der Adresse des Mannes, um ihm das Geld am nächsten Tag zurückzubringen. „Kein Thema!“ wehrt er ab, „das ist schon in Ordnung.“  Ich bedanke mich wortreich. „Schaffen Sie es denn bis zur Haltestelle oder wollen Sie sich auf mein Rad setzen?“ fragt der Dritte. Nein, sage ich ihm und den anderen, das sei nicht nötig. Sie hätten mir schon so sehr geholfen. Daraufhin trennen wir uns, ich schiebe mein Rad Richtung Haltestelle.

Zwei Minuten später überholt mich ein Ehepaar. Sie sind schon ein Stück weit vorbei, als sie beide wieder umdrehen. „Wir haben zwar keine Luftpumpe mit, aber ein Handy,“ sagt die Frau, „wenn Sie wollen, können Sie anrufen.“ 

Und wieder bin ich überwältigt und sage auf alle mögliche Weise „Danke“. Von da an fällt das Laufen gar nicht so schwer. Die Fersen schmerzen kaum noch. Jetzt bin ich sogar dankbar für diese Reifenpanne...

Wohin man gelangen kann, wenn eigentlich gar nichts mehr geht! Ein wenig Aufmerksamkeit, und schon tritt man auf kürzestem Weg die weiteste Reise an. Eine Reise nach Herzland: von sich zum anderen.

Im Buch der Sprüche findet sich ein passendes Wort. Meinen fünf „Engeln“ wünsche ich, dass es für sie wahr werden möge.

„Wer sich des Armen erbarmt, der leiht dem HERRN, und der wird ihm vergelten, was er Gutes getan hat.“   (Sprüche 19,17)

Wolfgang Blaffert


                        

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