„Ich glaube schon an Gott“, erklärte das Mädchen , „aber wirklich Christin sein – das schaffe ich nicht. Da muss man so viele Regeln einhalten und Bedingungen erfüllen. Nein, das würde mir nie gelingen. Da würde ich nur merken, wie unvollkommen ich bin.“
Es gibt Vorurteile, die sind wie ein Kaugummi unter der Schuhsohle: nervig und kaum weg zu kriegen.
Bedeutet Glauben, sich das Leben schwer zu machen, indem man es sich mit Regeln und Forderungen zustellt?
Es ist noch gar nicht so lange her, dass die Kirchen keine Schutzräume waren, sondern Gerichtssäle, die ihre Besucherinnen und Besucher allsonntäglich mit immer demselben Urteil entließen: schuldig!
Es ist noch gar nicht so lange her und doch längst von den Veränderunegn der Geschichte verweht.
Wir müssen ganz neu buchstabieren, worum es im Glauben eigentlich geht; was ihn ausmacht und warum er ein Leben bereichert statt es arm zu machen.
Jede Generation ist dazu aufgerufen. Jede Generation muss den Glauben neu entdecken. Jede Generation wird einen eigenen Blick haben – manche einen tiefgehenden, manche einen oberflächlichen.
Aber im Kern bleibt das, was Glauben ausmacht, unverändert. Wir finden vielleicht nur andere Bezeichnungen dafür. In der Bibel, dem Alten wie dem Neuen Testament, gibt es bestimmte Stellen, an denen mit wenigen Worten das Nötige gesagt ist; es gibt dort Passagen, die eine besondere Leuchtkraft besitzen. Eine dieser Stellen findet sich im 2. Timotheusbrief im 1. Kapitel
(7-8a+10):
Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Furcht gegeben, sondern den Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. Bekenne dich also offen und ohne Scheu zur Botschaft von unserem Herrn…Denn jetzt ist die Gnade offenbar geworden, als Jesus Christus, unser Retter, auf der Erde erschien. Er hat dem Tod die Macht genommen und das unvergängliche Leben ans Licht gebracht.
Nicht Zittern und Zagen – sondern Furchtlosigkeit ! Nicht Schwachheit, sondern Kraft ! Nicht Isoliertsein, sondern Verbundenheit. Nicht Aufgeregtheit, sondern Besonnenheit ! Das macht den Kern des Glaubens aus. Das lässt ihn alle Grenzen übschreiten, die das Leben einschränken wollen.
Derjenige, der diese Zeilen des Timotheusbriefes schreibt, ist nicht einer, der es leicht hat, sondern jemand, der mit zahlreichen Schwierigkeiten zu kämpfen hat. Er lebt in einer Phase von Unsichherheit und Verfolgung. Es ist nicht gerade populär, Christ oder Christin zu sein – und auch innerhalb der Gemeinden steht die Überzeugung eher auf wackligen Füßen. Man hat das Wesentliche aus
den Augen verloren. Der Verfasser bemüht sich darum, es wieder in den Blick zu rücken. Aber dabei mahnt er nicht, klagt er nicht und stellt erst recht keinen Verhaltenskatalog auf. Er umreißt in wenigen Sätzen, warum Evangelium mit „guter Botschaft“ zu übersetzen ist: „Gott hat uns nicht einen Geist der Furcht gegeben, sondern den Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit,“ weil das Leben nicht verloren geht; weil wir nicht verloren gehen.
Da ist kein Platz für moralische Kleinkrämerei. Das atmet einfach nur Weite.
Das Leben ist ein Geschenk. Niemand muss es sich verdienen – so wenig wie man sich Gottes Nähe verdienen muss. Das Leben ist Gottes Geschenk an uns – und der Glaube eine Antwort darauf – ein vielstimmiges Ja, ein vielstimmiges Danke !
Niemand muss erst einen komplizierten Regelparcours durchlaufen und religiöse Stabhochsprünge ausführen. Wir alle kommen mit einem unendlichen Vorschuss auf die Welt, mit einem Kredit, den wir niemals aufbrauchen können. Wir werden Fehler machen, falsche Entscheidungen treffen, Irrtümern anhängen – und dennoch bleibt in jedem Leben etwas, das nicht zu zerstören ist – nur zu verdunkeln. Kein Weg, der nicht einen anderen Kurs zuließe. Niemand, der immer in die verkehrte Richtung gehen muss !
Denn das Geschenk bleibt Geschenk und wird nicht zurückgefordert. Es gibt kein Verfallsdatum für Gottes Nähe; sie bleibt bedingungslos.
Und das ist die einzige Regel, die man sich merken muss.
Wolfgang Blaffert