EJH
Evangelische JugendArbeitsfelderZielgruppenPublikationen und Materialien bestellenDownloads
Evangelische Jugend
SpiritualitätFortbildungJugendpolitikFachliche BeratungGrundlagenInternationale BegegnungenÖkumeneGewalt überwindenMehr Arbeitsfelder
Stolpersteine
Arbeitsgemeinschaft missionarische Jugendarbeit
Pilgerweg
Angedacht
YoungspiriX
Der furchtbare, schöne 9. November

 9. November  - Tag des Aufruhrs, Tag der  Schande und des Aufbruchs.
Am 9. November 1918 dankt der deutsche Kaiser ab. Die Republik wird ausgerufen.  Auf den Tag 5 Jahre später marschiert ein gewisser A. Hitler mit seiner Bande auf das Münchner Rathaus zu, um von dort aus die Macht in ganz Deutschland zu übernehmen – ein kläglich geplanter Putschversuch, der im Kugelhagel der Münchner Polizei scheitert. 
Am 9. November 1938 brennen überall in Deutschland, in Österreich und im Sudetenland die Synagogen; werden jüdische Geschäfte geplündert; werden Menschen jüdischen Glaubens verschleppt, erniedrigt, zusammengeschlagen, ermordet.
Am 9. November 1989, fällt zuerst in Berlin die Mauer -  die DDR ist erledigt.
Vier einschneidende Ereignisse – sie lassen sich in 1 - 2 Minuten aufzählen, aber dahinter verbergen sich Schicksale; dahinter stecken Geschichten, tragische und furchtbare, komische und großartige.
Und immer spielen Blindheit und Taubheit eine besondere Rolle dabei: sie finden sich bei Machthabern, die die Zeichen der Zeit nicht erkennen wollen; sie sind bei den Anhängern falscher Politpropheten auszumachen, die gemeinsam dem Abgrund entgegentrotten.
Blindheit und Taubheit lassen sich auch bei den ganz gewöhnlichen Menschen erkennen, die sich schlichtweg machtlos fühlen und Angst haben – Angst um ihre Familie, Angst um sich selbst.
Aber man kann der Wahrheit nicht andauernd davonlaufen, auch wenn es mitunter weh tut, sich ihr zu stellen.
Erst recht gilt das für all jene, die ihrem Leben eine weitere Dimension hinzugefügt haben: ihre Beziehung zu Gott. Glaube ist immer auch ein Spiel mit jenem Feuer, das Wahrheit heißt.
Das haben Menschen zu allen Zeiten erfahren müssen, manchmal rechtzeitig, manchmal zu spät.
Schon zu Zeiten des Propheten Jesaja war das so. Diejenigen, denen es gut geht, haben sich prächtig eingerichtet. Sie genießen ihren Wohlstand, sie gehen regelmäßig zum Gottesdienst und befolgen die Gebote. Und doch spüren sie, dass etwas nicht stimmt. Sie merken, dass Gott stumm bleibt. Sie fragen sich, wie das geschehen konnte. Jesaja sagt ihnen, warum:        
 (Jesaja 58, 3-8a ):
3 Warum fasten wir und du siehst es nicht? / Warum tun wir Buße und du merkst es nicht?  Seht, an euren Fasttagen macht ihr Geschäfte / und treibt alle eure Arbeiter zur Arbeit an.
4 Obwohl ihr fastet, gibt es Streit und Zank / und ihr schlagt zu mit roher Gewalt… 5  Nennst du das ein Fasten / und einen Tag, der dem Herrn gefällt ?..
6 Nein, das ist ein Fasten, wie ich es liebe: / die Fesseln des Unrechts zu lösen, / die Stricke des Jochs zu entfernen, die Versklavten freizulassen, / jedes Joch zu zerbrechen,
7 an die Hungrigen dein Brot auszuteilen, / die obdachlosen Armen ins Haus aufzunehmen, wenn du einen Nackten siehst, ihn zu bekleiden / und dich deinen Verwandten nicht zu entziehen.
8 Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte / und deine Wunden werden schnell vernarben. Deine Gerechtigkeit geht dir voran, / die Herrlichkeit des Herrn folgt dir nach.
Wer sich blind stellt, fällt irgendwann auch in die eigenen Fallgruben. Ein Götze lässt sich hinters Licht führen – Gott nicht. Wir können uns selbst oder andere betrügen – aber eben nicht Gott.
Wenn der Glaube zum hohlen Ritual verkommt, dann hat er nichts mehr zu erwarten.
Wer ins Leere spricht, wird Schweigen ernten.
Jesaja hält seinen Landsleuten einiges vor – so genau und so deutlich wollten sie es eigentlich gar nicht erfahren:
In den Gottesdienst laufen, weil es sich so gehört – das ist es nicht.
Laut Gott anrufen und hinter dem Rücken über andere Leute reden – das ist es nicht.
Beten ohne Handeln – das ist es nicht.
Tiefe Verbundenheit mit Gott, aber kalte Distanz zur eigenen Umgebung – das ist es auch nicht.
Gott ist weder in bloßen Formeln zu finden noch in frömmelnden Äußerlichkeiten. Jesaja geht sogar noch einen entscheidenden Schritt weiter. Gott ist  für uns überhaupt nicht direkt  zu finden. Wer immer nur in den Himmel starrt, wird außer Wolken nichts entdecken. Das Spannende an der Antwort des Propheten, das Provozierende, liegt gerade darin, dass Gott sich selbst aus dem Sichtfeld rückt und unseren Blick gewissermaßen umbiegt: hin zu den Menschen, die uns begegnen.
Wer etwas für andere tut, ist nicht allein. Er hat Gott auf seiner Seite.
Auch wir werden ihm nur dann begegnen, wenn wir uns nicht blind oder taub stellen.
In einer kleinen jüdischen Geschichte wandern zwei Rabbiner durch ein Tal, als die Morgenröte anbricht. Sie bleiben stehen und schauen schweigend zu. Endlich sagt der eine: „Genau so ist Gottes Anwesenheit. Zuerst langsam, langsam, kaum zu bemerken, doch dann wird das Leuchten stetig stärker.“
Was immer wir für andere tun, ob unscheinbar oder auffällig – es ist nicht umsonst. Es wird mithelfen, das Licht wachsen zu lassen. 
Wolfgang Blaffert


                        

Schriftgröße:SmallMediumLarge
RSS-Feed|Blog|Hilfe/FAQ|Sitemap|AGB und Datenschutz|Impressum|Druckversion|Weiterempfehlen