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Besinnungslos besinnlich?

Es gibt einen Virus, der regelmäßig im letzten Monat des Jahres epidemisch auftritt und schwere Verhaltensstörungen auslöst. Heimtückischerweise fühlen die Befallenen sich nicht unwohl dabei. Ganz im Gegenteil!  Rauschhaft macht sich Besinnlichkeit breit:
Prominente fallen sich vor laufenden Kameras gerührt in die Arme, weil sie unendlich begeistert sind von ihrer eigenen Mildtätigkeit. Erwachsene amüsieren sich plötzlich über Geschichten, die sie normalerweise noch nicht einmal ihrem Hund vorlesen würden, weil sie einfach ungenießbar süßlich sind und dermaßen kitschig, dass selbst Rosamunde Pilcher einen Schluckauf kriegt. Andere bevölkern ihre Wohnungen mit allen nur erdenklichen Adventsutensilien, mit Lichtern, Ketten, Figuren, die überall im Weg stehen und einen an den unmöglichsten Plätzen entgegenbaumeln. Die Gemeindebriefe sind voll von Erinnerungen an Zeiten, die kein Mensch wirklich mitgemacht hat, und wenn doch, daran sicher nicht erinnert werden möchte. Manchmal meint man, die Leute hätten bis zum letzten Advent alle in Holzhütten gewohnt, wo man sich auf rustikaler Feuerstelle bei Tannenduft sein kärglich Mahl zubereitete. Armutsromantik, so echt wie die Nase von Michael Jackson.

Verklärt-debil, wie nach dem Genuss einer ganzen Tüte Weihrauch, schaut man zurück ins Ungefähre, dorthin, wo nichts zu finden ist.
Advent braucht einen anderen Blick: keinen verschwommenen, sondern einen wachen! Einen Blick nach vorn. Advent ist eine Übung im Aufmerksamwerden, eine Zeit der Spurensuche.  Denn die Welt ist kein dunkler Ort und unser Leben keine finster-sinnlose Episode.  
           „Niemandem von uns ist Gott fern.“
                   (Apostelgeschichte, 17, 27)
Das ist ein Satz, weiter als der Himmel über Friesland und heller als die Sonne am Mittag. Eine Zumutung an Hoffnung, die uns herausfordert: lass dich nicht gefangen nehmen von dem, was aussichtslos scheint; lach deinem Elend ins Gesicht und hör endlich auf zu jammern!
Romantisch ist das nicht, niedlich noch viel weniger. Es liegt abenteuerlich quer zu all unseren Bedenken, Ängsten und Zögerlichkeiten. Glauben heißt, sich selbst weniger zu vertrauen als dem, der unser Leben bewahrt. Advent ist die Zeit der Zeichen. Sie mehren sich. Es liegt an uns, sie wahrzunehmen. Gott kommt in die Welt, immer von neuem. Wir sind Beschenkte. Denn Gott ist uns nah!


 Wolfgang Blaffert

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