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Armut geht alle an!
Armut in Deutschland wissenschaftlich abgeschafft

Zu einem sozialpolitischen Gespräch hatte die CDU Fraktion des Niedersächsischen Landtags am 20. März  2007 eingeladen und zahlreiche Interessierte gewinnen können. Der große Versammlungssaal im Restaurant im Leineschloss war bis auf wenige Plätze vollständig gefüllt.

 

„Kinderarmut in Niedersachsen – Ein Leben am Rande der Gesellschaft verhindern“, lautete das Thema, zu dem sich zunächst 4 Referentinnen und Referenten mit kurzen Eingangsstatements äußern sollten, ehe dann in einer Podiumsdiskussion mit Publikumsbeteiligung das Thema vertieft wurde.

 

Sozialministerin Mechthild Ross-Luttmann brachte vor allem Zahlen und Statistisches. In Niedersachsen sind nach Zahlen des Landesamtes für Statistik 225.000  Kinder und Jugendliche arm, das entspricht einer Quote von 13,6 %,  im Bundesdurchschnitt sind es 14,0 %. Bischof Dr. Friedrich Weber beleuchtete das Thema aus kirchlich-theologischer Sicht und forderte größeren Respekt  für die Armen. Dr. Thorsten Wygold, Chefarzt des Ambulanz- und Aufnahmezentrums des Kinderkrankenhauses auf der Bult in Hannover skizzierte die medizinischen Aspekte und benannte armutstypische Krankheitsbilder. So weit, so interessant.

 

Aber eine wesentliche Dimension fehlte noch – die ökonomische. Dafür stand Professor Dr. Hermann von Laer aus Vechta, der in seinem Statement das Problem „Kinderarmut“  kurzerhand abschaffte. Dass „Armut“ ein relativer Begriff ist und durch das jeweilige gesellschaftliche Bezugssystem definiert wird, überging er großzügig. Stattdessen bediente er sich des Armutsbegriffs der UN: „Arm ist, wer mit 1 Dollar am Tag auskommen muss. Armutsgefährdet ist, wer nicht mehr als 2 Dollar pro Tag zur Verfügung hat.“ Dem stellte er das Hartz IV-Einkommen einer vierköpfigen Familie in Deutschland gegenüber, das sich auf rund 1600,- € belaufen würde und kam zu dem Schluss: Eine reale Armut gibt es in unserem Land überhaupt nicht. Wir hätten allen Grund, stolz auf diese Tatsache zu sein.

Doch das reichte dem Herrn Professor noch nicht. In aller Kürze legte er dar, wie man selbst von 1 Dollar am Tag bei uns leben könne. Wir lernten, dass eine Garage in Vechta für 1 Dollar pro Tag zu mieten ist und eine Tonne Getreide 10 Dollar kostet. Wir wären bei einem „Einkommen“ von 30 Dollar im Monat allerdings in der ungemütlichen Lage, uns entscheiden zu müssen. Entweder Garagenmiete oder Getreidetonne. Vermutlich liefe es dann doch nach dem Grundsatz ab „Lieber frieren statt hungern.“ Allerdings hatte Herr Professor Dr. von Laer uns nicht verraten, wie das Getreide denn nahrungsmäßig aufgenommen werden sollte: roh, gekocht (vermutlich auf Holzfeuer) in Wasser gequollen und dann gegessen? Wichtiger war ihm eine schonungslose Kritik an der Einrichtung weiterer Krippenplätze und deren kostenfreie Nutzung im 3. Kindergartenjahr. Deutschland, so Herr Professor Dr. von Laer laufe Gefahr, ein riesiger Kibbuz zu werden.  Ja, das erschreckte uns alle zutiefst, besonders Herrn Böhlke, den sozialpolitischen Sprecher der CDU im Landtag, der alsModerator fungierte und den Professor weit über die 10 Minuten unwidersprochen dozieren ließ. Ein weiteres unfreiwilliges Beispiel seines Umgangs mit Zahlen lieferte dieser mit der Bemerkung: "Es ist doch schön, hier mal drei Stunden zu dem Thema diskutieren zu können!" Die Veranstaltung war jedoch auf zwei Stunden begrenzt. So wird aus Armut Reichtum.

 

Durchs Publikum liefen mittlerweile spürbare Wellen von Unruhe, die die ersten Interessierten nunmehr als Desinteressierte aus dem Saal spülten (weitere sollten folgen, bis zuletzt weniger als ein Drittel übrig blieb). Selbstverständlich widersprachen Bischof Weber und Dr. Wygold den Ansichten des Herrn von Laer. Aber insgesamt hatte die Veranstaltung nun eine unglückliche Richtung genommen:

 

     

  • Schuldzuweisungen an die Eltern, die nicht mit Geld umzugehen wüssten,

  • sozial Schwache in 3. Generation, die es verlernt hätten, selbstverantwortlich zu handeln und sich durch staatliche Hilfeleistungen haben entmündigen lassen,

  • hilflose Eltern, die keinen Schimmer vom richtigen Umgang mit Kindern hätten, und, und, und...

 

Eine Strukturanalyse fehlte, das Problem wurde individualisiert, die Verantwortung einseitig zugewiesen.

 

Als die Politik aus dem Publikum befragt wurde, was denn zu tun sei, schwieg sie. An ihrer Stelle antwortete Frau Dr. Aumüller-Roske aus dem Sozialministerium. Und natürlich auch Professor von Laer. Er rechnete noch einmal rasch vor, dass eine allein erziehende Mutter 1200,- € erhielte, und wenn man den Unsinn mit den Krippenplätzen ließe, könnte man ihr noch 600,- € Kindergeld draufzahlen. Das wäre doch schon was. Dumm nur, dass nun ein allein erziehender Vater und Hartz IV-Empfänger, aufstand und den Anwesenden darlegte, was bei einem Einkommen von 1050,- € im Monat alles nicht ginge. Deutlich wurde, wie sehr es auf jeden Euro ankam und welche Konsequenzen es hat, wenn man sparen muss und es eigentlich gar nicht mehr kann. An dieser Stelle war die Betroffenheit im Publikum deutlich zu spüren. Herrn Professor Dr. von Laer fiel darauf die einfühlsame Replik ein: „Das ist natürlich traurig, dass es Ihnen so geht. Aber wir anderen sind froh, dass es uns nicht so geht.“  Immerhin eine Antwort, während ansonsten den Anwesenden Referentinnen und Referenten dazu nichts einfiel. Mehr ist kaum zu sagen, außer diesem noch:


Es ist sehr zu begrüßen, dass zu einem sozialpolitischen Gespräch eingeladen wird, das die Problematik der Kinderarmut in den Blick nimmt. Aber dann sollte die Auswahl der Referentinnen und Referenten nicht nach dramaturgischen Gesichtspunkten erfolgen. Eine Sondermeinung auf dem Podium dabei zu haben, lohnt sich nur, wenn sie die Diskussion anregt. Vielleicht hat auch der blanke Zynismus, der in den Äußerungen Herrn Professor Dr. von Laers zutage kam, die anderen Teilnehmer verstummen lassen. Das Publikum jedenfalls hatte längst mit den Füßen abgestimmt. So geriet das Gespräch zu einer verpassten Gelegenheit. Schade! Es war sicher nicht von vornherein daraufhin angelegt gewesen.

 

In der realen Politik gibt es allerdings Momente, die uns nachdenklich stimmen.
Im Land Niedersachsen sind die Landesmittel für Freizeiten von Kindern und Jugendlichen komplett gestrichen. Wer weiß, wie wichtig solche Maßnahmen gerade für Kinder und Jugendliche sind, die unter die Armutsgrenze fallen,  kann sich leicht ausmalen, was mit solchen Streichungen angerichtet wird.
Im Gegenzug dazu hat beispielsweise die hannoversche Landeskirche in diesem Jahr 20000,- € Fördermittel zur Verfügung gestellt, um den Kindern und Jugendlichen eine Freizeit zu ermöglichen, die es sich sonst finanziell nicht leisten könnten. Eine Forderung, die auf dem Jugendsozialgipfel am 11.11.2006 von den ehrenamtlichen Vertreterinnen und Vertreter der verschiedenen Landesjugendkammern erhoben wurde.

 

„Kinder und Jugendliche sind unser größter Schatz“, formulierte eine Stimme aus dem Publikum. Diese Erkenntnis scheint noch längst nicht in allen Köpfen angekommen zu sein.

Wolfgang Blaffert, Manfred Neubauer, Landesjugendpfarramt

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